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Glanzstoff im Wuppertal
Wandlungen im Wuppertal
Als 1901 Sitz und Verwaltung der Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG von Aachen nach Elberfeld verlegt wurden, geschah
dies aus zwei Gründen. Einmal wollte der Gründer und Aufsichtsratsvorsitzende, Dr. Hans Jordan, die Verwaltung
in naher Obhut wissen, und zum anderen nahmen die Bandindustrie und vor allem die Posamentenhersteller des Wuppertals
die ersten größeren Mengen Glanzstoff-Kunstseide ab. Der Wuppertaler Hausbandweber schafft noch in ganz
ähnlicher Weise an seinen ererbten Bandstühlen, wie es seine Vorfahren seit Generationen getan haben.
Schon als kleiner Junge stand er an der Spulmaschine und half mit beim Zurichten der Stühle und Fertigmachen
der Bandlieferungen. Doch seine Söhne werden voraussichtlich die Tradition dieses Hausgewerbes nicht fortsetzen.
So bleibt bei den meisten der Nachwuchs aus, und das Schwergewicht verlagert sich mehr und mehr zu den rationeller
arbeitenden Fabriken. Welch ein Gegensatz zwischen jener einmal für das Wuppertal typisch gewesenen Betriebsform,
die sich allmählich in ihren engen Geleisen totzulaufen scheint, und der Glanzstoff-Verwaltung, die aus an
den Fingern einer Hand herzuzählenden wenigen Mitarbeitern nunmehr so angewachsen ist. daß sie vor zwei
Jahren das neue Hochhaus beziehen mußte, ein Gebäude, das schon in seiner äußeren Gestaltung
wie eine Herausforderung an die Enge des Tales wirkt.
Die Führung blieb
Es ist hier nicht möglich, die Wachstumsstufen des Glanzstoff-Unternehmens auch nur anzudeuten. Nicht alle
Glanzstoff-Gründungen und -Beteiligungen haben das Auf und Ab der wirtschaftlichen Entwicklung, die Kriege
und die Stürme der Weltwirtschaftskrise überdauert. Besonders schwer waren die Wunden, die der zweite
Weltkrieg dem Unternehmen schlug. Doch als es 1945 galt, einen neuen Anfang nach Zerstörungen und Kriegszusammenbruch
zu finden, erwies es sich als besonderer Glücksumstand, daß der Vorstand des Gesamtunternehmens unter
Leitung von Generaldirektor Dr. Vits im Amt blieb. Ihm gelang es, die drohende Gefahr der Zerschlagung zu bannen
und trotz der Behinderungen durch Besatzung, Zonengrenzen und alle Nachkriegsnot die Betriebe wieder zum Anlaufen
zu bringen.
Der Start in das Neuland der Synthese-Fasern
Während in den Werken in harter Tagesarbeit die Maschinen instandgesetzt und nach und nach wieder in Betrieb
genommen wurden, mußte die Leitung an übermorgen denken und auf Mittel und Wege sinnen, um die ausländische
Konkurrenz, die sich ungestört hatte weiterentwickeln können, wieder einzuholen. Neben der grundlegenden
Verbesserung der althergebrachten, auf Cellulose beruhenden Erzeugnisse des Unternehmens und ihrer Produktionsverfahren
wurden die Bemühungen besonders auf das Gebiet der Fäden und Fasern auf Synthesegrundlage konzentriert.
Für „Perlon“ hatte Generaldirektor Dr. Vits, der im August dieses Jahres auf eine 20jährige Tätigkeit
als Vorsitzer des Vorstandes zurückblicken konnte, bereits während des Krieges die lizenzrechtlichen
Voraussetzungen sichergestellt. Seiner Initiative war es auch zu verdanken, daß nach jahrelanger intensiver
Forschungs- und Entwicklungsarbeit bereits 1950 in Oberbruch die erste Großanlage für endloses „Perlon“
zum Anlaufen gebracht werden konnte. Inzwischen sind „Diolen“ und Kordnylon in das Produktionsprogramm aufgenommen
worden, und der Umsatz in Synthese-Erzeugnissen hat jetzt den Umsatzwert des klassischen Reyon überschritten.
Dabei liegt die Produktion von Reyon in den drei verbliebenen Glanzstoff-Werken noch weit über der Produktionsmenge
der sechs Glanzstoff-Werke in der Vorkriegszeit, wie überhaupt dieses klassische Produkt von Glanzstoff auf
absehbare Zukunft hinaus eine große Bedeutung behalten dürfte.
Mehr Marktforschung, mehr Werbung und technische Beratung
Die Einführung der neuen Erzeugnisse stellte die, Unternehmensführung und die einzelnen Abteilungen der
Hauptverwaltung vor zum Teil ganz neue Aufgaben. Ein noch so gutes neues Produkt kann nicht ins Blaue hinein herausgebracht
werden. Über die technische Entwicklung und Erforschung der eigenen Faser hinaus mußte der Markt sorgfältig
erkundet und erforscht und schließlich auch vorbereitet werden. Hierzu erwiesen sich mehr und mehr Entwicklungshilfen
bei Fertigerzeugnissen der abnehmenden Industrie notwendig, und insbesondere mußten in der Werbung neue Wege
beschritten werden. Konnte Glanzstoff sich früher weitgehend darauf verlassen, daß die Güte der
Erzeugnisse für sich werben würde und deshalb die Werbung in der Verbrauchersphäre den Verarbeitungsstufen
überlassen, so mußte allmählich - schon mit Rücksicht auf die enormen Werbeaufwendungen der
Konkurrenz - diese Zurückhaltung aufgegeben werden. Jedoch dürfen die sorgfältig geplanten Werbemaßnahmen
nur solchen Fertigerzeugnissen gelten, die marktreif entwickelt und gründlich erprobt sind. Für die Aufgaben
der Marktforschung, Verkaufsförderung, anwendungstechnischen Entwicklung und erweiterten technischen Beratung
mußten zum Teil neue Stellen geschaffen und vorhandene Abteilungen vergrößert werden. -
Glanzstoff auch in Barmen
Unsere Kuag
Das Glanzstoff-Haus beherbergt neben der Glanzstoff-Hauptverwaltung auch die Verwaltung der Kunstseiden-Aktiengesellschaft.
Wer mit der Schwebebahn durch Barmen fährt, wird durch eine Leuchtschrift an einem langgestreckten Fabrikgebäude
darauf aufmerksam gemacht, daß sich dort auch eins der Werke der KUAG (das andere liegt in Waldniel) befindet.
Vor 80 Jahren wurde die Vorgängerfirma von Herrn Carl Hermann Benrath gegründet; seit 1922 führte
sie den Namen „C. Benrath jun. AG.“, und vor 30 Jahren, bei der Überführung in die Glanzstoff-Gruppe,
erhielt das Unternehmen den Namen „Kunstseiden-Aktiengesellschaft“. Auch die KUAG - dieser Kurzname hat sich in
Fachkreisen durchgesetzt - ist mit ihrem umfassenden Programm für Veredelung und Spezialaufmachung von Chemiefäden
aller Art von Anfang an Lieferant der Wuppertaler Textilindustrie gewesen. Auch sie ist weit darüber hinausgewachsen
und beliefert jetzt Verarbeitungsbetriebe in der Bundesrepublik und im Ausland bis nach Übersee. Und für
die KUAG sind schließlich ebenfalls die neuen synthetischen Fäden von umwälzender Bedeutung geworden.
So nimmt die Herstellung von „Perlon“-Kräuselzwirn (Helanca) jetzt einen wichtigen Platz ein. Im vergangenen
Jahr wurde in Waldniel hierfür eine neue, mit modernsten Maschinen ausgestattete Fabrik errichtet. Damit hat
die KUAG, einer der ältesten Veredelungsbetriebe für Chemiegarne, den Anschluß an die neueste Entwicklung
gehalten.
Glanzstoff und Bemberg eng verbunden
Unser Wuppertaler Bandweber hat als Kind im Heimatkundeunterricht gelernt, daß die Wupper mit den an und
von ihr betriebenen Kotten, Hämmern und Werken der arbeitsamste Fluß Deutschlands sei. Es erscheint
fraglich, ob diese Behauptung heute aufrechterhalten werden kann. Ebenso lädt das Wupperwasser heute keineswegs
mehr dazu ein, etwa damit Textilien zu bleichen. Und doch war die durch das weiche Wasser begünstigte Garnbleicherei
einmal der Beginn der Textilindustrie im Tal. Sicher war auch der Gedanke an das Wupperwasser mitbestimmend für
den Entschluß der Firma Bemberg, seinerzeit die neue Türkischrot-Färberei von Elberfeld „stromaufwärts“
an den östlichen Rand von Barmen zu verlegen. - Bei der Umwandlung des Unternehmens (es war 1792, und zwar
zuerst als Weinhandlung, gegründet worden) in eine Aktiengesellschaft im Jahre 1897 wurde ihm u. a. eine Buntweberei
in Augsburg angegliedert. Ein Jahr nach der Glanzstoff-Gründung wurde der Firma Bemberg eine Erfindung zur
Herstellung von Kupferkunstseide patentiert. Mit der Entwicklung des Streckspinnverfahrens beschritt Bemberg hier
einen eigenen Weg und spezialisierte sich besonders auf die Herstellung feinfädiger Seide. 1922 baute das
Unternehmen in der Oehde ein neues Werk. Es folgte eine ausgeprägte Blütezeit; mehrere Tochtergesellschaften
konnten gegründet und dem Namen BEMBERG Ansehen und Weltruf verschärft werden, ein Glanz, der auch heute
noch nicht verblaßt ist.
Neue Aufgaben für Bemberg
Wenige Wochen vor dem Ende des letzten Weltkrieges verwandelten Fliegerbomben das Stammwerk Oehde in einen Trümmerhaufen.
Zwar gingen Führung und Belegschaft mit Energie und Tatkraft an den Wiederaufbau des Betriebes. Aber wie damals
das Türkischrot-Verfahren durch die Entwicklung der neuen Teerfarben mattgesetzt wurde, so konnte der Bemberg-Strumpf,
einst Inbegriff von Spitzenqualität, gegen die Strümpfe aus „Perlon“ und Nylon nicht mehr ankommen. Darüber
hinaus gab die Mode dem vorher sehr begehrten Bemberg-Lavabel-Stoff wenig Chancen. Alle Bemühungen zur Rationalisierung
und Verbesserung der Verfahren, Ausbau der Dureta-Continue-Produktion und der Cuprophan-Zellglas-Herstellung hatten
nur begrenzten Erfolg. Da die eigene Kraft des Unternehmens zu einer grundlegenden Wandlung nicht ausreichte, wurde
die Anlehnung an Glanzstoff, die sich seit der Aufgabe des Kupfer-Verfahrens durch VGF im Jahre 1916 in verschiedenen
Stufen entwickelt hatte, im Jahre 1955 durch den Abschluß eines Organschaftsvertrages sehr eng gestaltet.
Unablässig wird daran gearbeitet, dem Unternehmen wieder zu einer ertragskräftigen Basis zu verhelfen.
U.a. hat Bemberg für die gesamte Glanzstoff-Gruppe das Gebiet der Folienforschung übernommen. In den
diesjährigen Hauptversammlungen von Glanzstoff und Bemberg konnte Dr. Vits bekanntgeben, daß Bemberg
in diesem Sommer erstmals wieder die Verlustschwelle überschritten hat. Es wird zuversichtlich erwartet, daß
diese positive Entwicklung sich fortsetzt.
Barmag-Spezialmaschinen für die Chemiefaserindustrie
In der Nähe des Bemberg-Werkes Oehde stand die Wiege eines weiteren Unternehmens der Glanzstoff-Gruppe, nämlich
der Barmer Maschinenfabrik AG (BARMAG). An ihrer Gründung waren neben Glanzstoff und der Enka noch die Herren
Carl Benrath und Dr. Hartogs beteiligt. Und als das Unternehmen von der Bockmühlstraße in Barmen, wo
es heute noch ein Grundstück besitzt, im Jahre 1925 nach Lennep übersiedelte, bezog es dort ein Gebäude,
dessen Errichtung ursprünglich von Bemberg in Angriff genommen war. Damit schließt sich noch einmal
der Ring der im vorliegenden Beitrag kurz skizzierten Firmen.
Während der Name Bemberg auch dem Letztverbraucher vertraut ist, ist die BARMAG im allgemeinen nur in Fachkreisen
bekannt. Hier genießt sie aber mit ihren Maschinen für die Herstellung und Verarbeitung von Chemiefasern
hervorragendes Ansehen. U. a. haben zwei Spezialitäten, Spinnpumpen und Doppeldraht-Zwirnspindeln, den Ruf
von Güte und Präzision der BARMAG-Erzeugnisse weit über die Grenzen Deutschlands hinausgetragen.
Die Entwicklung der BARMAG spiegelt noch einmal die wechselvolle, aber im Ergebnis immer aufsteigende Geschichte
der Chemiefaserindustrie in den letzten Jahrzehnten wider: Schwierigkeiten in den Inflationsjahren, Aufblühen
bis zum Höhepunkt der Beschäftigung 1928/29, tiefes Tal als Folge der Wirtschaftskrise 1931/32, Mithilfe
beim Aufbau der Zellwollindustrie in der Mitte der dreißiger Jahre, schwere Zerstörungen am Schluß
des Krieges und mühevoller Neuanfang mit unternehmensfremden Erzeugnissen (Papierröllchen für Telefonkabel).
Nach erfolgreichem Wiederaufbau ist das Unternehmen seit einigen Jahren auf seinem ureigensten Fachgebiet der Herstellung
von Chemiefasermaschinen wieder sehr gut beschäftigt. Darüber hinaus wird angestrebt, ihm durch Hinzunahme
von anderen Spezialerzeugnissen (z. B. Extruderbau) eine breitere Grundlage zu verschaffen. -
4600 Mitarbeiter der Glanzstoff-Gruppe in Wuppertal
Von den insgesamt 22000 Mitarbeitern der Glanzstoff-Gruppe finden 4600 im Wuppertaler Raum (einschließlich
der BARMAG) ihr Brot, eine Ziffer, die der Mitarbeiterzahl in den größten Glanzstoff-Werken vergleichbar
ist. In Verwaltung, Forschung und mannigfacher Produktion spiegelt diese Gruppierung die verästelte Struktur
des Glanzstoff-Konzerns wider. Die Lebenskraft, die das Unternehmen auch in schweren Jahren bewiesen hat, die Einsatzbereitschaft
aller Mitarbeiter und nicht zuletzt eine zielbewußte, in zwanzigjähriger stetiger Arbeit mit den Problemen
des Industriezweiges aufs engste vertraute Firmenleitung stützen die Zuversicht auf eine weitere glückliche
Zukunft zum gemeinsamen Wohl. |
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