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Nachdem die Vorarbeiten bis zur praktischen Verwertung der
Erfindung durchgeführt waren, traten die beiden Erfinder in Gemeinschaft mit Herrn W. C. Fremery in Bonn,
dem Kommanditisten der Rheinischen Glühlampenfabrik, an die Bergisch Märkische Bank, Filiale Aachen,
heran, deren Direktor, Herrn Andreas Emmerling, das große Verdienst zufällt, die Bedeutung der Erfindung
auf den ersten Blick erkannt zu haben, und der die Angelegenheit der Zentrale der Bergisch Märkischen Bank
in Elberfeld überwies, wo sie bei dem Leiter der Bank, Herrn Dr. Hans Jordan und bei Herrn Dr. Alfred Wolff
sofort eine begeisterte Aufnahme gefunden hat. Die Verhandlungen führten bald zu einer Verständigung
zwischen den Erfindern und der Bank, welche die Bildung eines Finanzkonsortiums in die Hand nahm und das erforderliche
Kapital zur Verfügung stellte. Abseits von diesem Konsortium hatte sich Herr Dr. Bronnert, Assistent von Professor
Nölting an der Mülhauser Chemieschule, mit der direkten Auflösung der Cellulose in Kupferoxyd-Ammoniak
beschäftigt. Als ihm die Erfolge der Rheinischen Glühlampenfabrik auf diesem Gebiete bekannt wurden,
veranlagte er ein unter Führung von Herrn Kommerzienrat Th. Schlumberger in Mülhausen stehendes Konsortium
zu einem Zusammenarbeiten mit der rheinischen Fabrik. Um die großen technischen und finanziellen Kräfte,
die den beiden Gruppen zur Verfügung standen, zusammenzufassen, wurde ein gemeinschaftliches Zusammengehen
beschlossen und dasselbe auch noch ausgedehnt auf eine drifte Gruppe sächsischer Textilindustrieller, welche
unter Führung von Herrn Arthur Lossow in Glauchau beitrat, so daß das Gründungskonsortium aus einer
rheinischen, einer elsässischen und einer sächsischen Gruppe bestand und damit sich das Interesse der
für den Verbrauch des neuen Textilstoffes in erster Linie in Betracht kommenden Industriegebiete gesichert
hat.
Am 19. September 1899 erfolgte im Gebäude der Bergisch Märkischen Bank zu Elberfeld die Gründung
der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken Aktiengesellschaft mit einem Kapital von zwei Millionen Mark und dem Sitz in
Aachen. Gründer waren die Herren Dr. jur. Hans Jordan und Dr. jur. Alfred Wolff als Vertreter der Bergisch
Märkischen Bank in Elberfeld, Dr. Max Fremery in Oberbruch als Vertreter der Rheinischen Glühlampenfabrik,
Kommerzienrat Theodor Schlumberger in Mülhausen i. Els., Arthur Lossow in Glauchau, Wilh. Carl Fremery in
Bonn und Andreas Emmerling in Aachen. Zu Vorstandsmitgliedern wurden die Herren Dr. Max Fremery und Ingenieur Johann
Urban in Oberbruch und Dr. Emil Bronnert in Mülhausen bestellt. Den ersten Aufsichtsrat bildeten die schon
genannten Herren Dr. Hans Jordan, der den Vorsitz übernahm, Dr. Alfred Wolff, Andreas Emmerling, und W. C.
Fremery als Vertreter der Bergisch Märkischen Bank und der rheinischen Gruppe, Kommerzienrat Th. Schlumberger
und Alfred de Glehn, Direktor der Elsässischen Maschinenbauanstalt in Mülhausen i. Els. als Vertreter
der elsässischen und Herr Arthur Lossow als Vertreter der sächsischen Gruppe. Der Name „Glanzstoff“ ist
erst bei der Gründung geprägt worden. Die Absicht dabei war von vornherein, der Meinung, es handle sich
um ein Surrogat für Naturseide, die Spitze abzubrechen. Die Gründer wollten damit zum Ausdruck bringen,
daß das Produkt der neuen Gesellschaft nicht berufen sein solle, die Naturseide zu verdrängen, sondern
daß es als selbständiges neues Textilprodukt sich neue und besondere Verwendungsgebiete erobern müsse.
Die weitere Entwicklung hat die Richtigkeit dieser Ansicht allerdings nicht restlos bestätigt, denn die Kunstseide
ist doch im Laufe der Jahre in viele Verwendungsgebiete eingedrungen, die früher die ausschließliche
Domäne der Naturseide waren. Der Name „Kunstseide“ ließ sich durch die Bezeichnung „GLANZSTOFF“ nicht
verdrängen. Glanzstoff ist aber zur Marke der Gesellschaft geworden und hat sich als solche die Welt erobert.
Das Programm der neuen Gesellschaft war zunächst die Erbauung je einer Fabrik in den drei genannten Hauptgebieten
der Textilindustrie. Für das Rheinland war es gegeben, die seit 1897 von den Erfindern in Oberbruch betriebene
kleine Versuchsanlage der Rheinischen Glühlampenfabrik in den Großbetrieb überzuführen. Zu
diesem Zweck wurden die gesamten Anlagen dieser Fabrik käuflich erworben und damit die Grundlage geschaffen
für die zurzeit größte Kunstseidenfabrik des Kontinents. Im Elsaß wurde eine Fabrik in Niedermorschweiler
bei Mülhausen i. Els. erbaut. In Sachsen wurde ein geeignetes Grundstück in Glauchau erworben. Das Glauchauer
Projekt ist jedoch nicht zur Ausführung gelangt.
Eine Reihe von Jahren stiller und rastloser Arbeit beginnt nun für die Leiter des jungen Unternehmens, die
sich auf die kaufmännische Organisation, auf den Ausbau der beiden Werke, auf die Vervollkommnung der technischen
Verfahren und auf die Ausarbeitung des Patentschutzes erstreckte. Der mit aller Energie aufgenommene Ausbau der
Verkaufsorganisation führte bald zu der Notwendigkeit, den Sitz der Gesellschaft von Aachen nach Elberfeld
zu verlegen, wo der Mittelpunkt der Wuppertaler Besatzindustrie als der damaligen Hauptabnehmerin von Kunstseide
lag. Ferner wurde in der Person des Herrn Robert Freericks anfangs 1901 ein weiteres Mitglied des Vorstandes als
Leiter der in Elberfeld eingerichteten kaufmännischen Abteilung gewonnen. Mitten in den Organisationsarbeiten
am 9. Oktober 1901 hat die Gesellschaft ihren Mitbegründer und ihr Aufsichtsratsmitglied Herrn Andreas Emmerling
durch den Tod verloren. Ein schweres Leiden hat uns diesen treuen Freund in seinen besten Jahren allzufrüh
entrissen, so daß er die glänzende Entwicklung, die bald darnach einsetzte und zu deren Erreichung er
jederzeit seine treue Mitarbeit zu Verfügung stellte, nicht mehr erlebt hat.
Bei dem technischen Ausbau des Verfahrens richteten die Leiter ihr Augenmerk zunächst auf eine geeignete Vorbereitung
der Cellulose für den Lösungsprozeß durch Vorbehandlung mit alkalischer Lauge sowie durch Bleichen
der zur Verwendung gelangenden Baumwolle. Anfänglich benutzte man die recht kostspieligen Kämmlinge von
ägyptischer Baumwolle, aber es gelang allmählich, dieselben durch die sehr wohlfeilen Linters, d. h.
die kurzen Fasern, die dem Baumwollsamen anhaften und sich für den Spinnprozeß nicht eignen, zu verdrängen.
Auch das Lösungsmittel wurde in seiner Wirksamkeit wesentlich verbessert und es gelang, einen Teil des Kupfers
durch Zugabe von Kupfersulfat und Natronlauge zum Kupferoxyd-Ammoniak ökonomisch zu ersetzen. Eine Hauptaufgabe
für die wirtschaftliche Durchführung des Verfahrens lag jedoch in einer möglichst vollkommenen Wiedergewinnung
der Komponenten des Lösungsmittels, Kupfer und Ammoniak, und dank einer verständnisvollen Arbeiterschaft
und intelligenter Meister gelang es, das flüchtige Ammoniak bis zu 85% und das Kupfer bis zu 95% wiederzugewinnen
und dadurch die hohe Wirtschaftlichkeit des Verfahrens sicherzustellen. Das Fällbad, welches der Abscheidung
der Cellulose in Fadenform diente, war saurer Natur und bestand im wesentlichen aus 50 prozentiger Schwefelsäure.
Es hatte sich jedoch ergeben, daß die aus sauren Bädern abgeschiedenen Fäden, gegenüber den
aus Nitrocellulose erzeugten, gewisse Nachteile zeigten. Durch teilweise Abplattung ergaben sich spiegelnde Flächen,
welche den aus dem Material hergestellten Artikeln ein glitzeriges, minderwertiges Ansehen gaben. Es gelang auch
nicht mittels des sauren Fällbades, einen Einzelfaden von der Stärke eines Roßhaares - nach welchem
große Nachfrage bestand - in einwandfreier Qualität zu erzeugen, vielmehr ergab sich, daß ein
derart hergestelltes künstliches Roßhaar sehr brüchig war und sich nicht knoten ließ. Das
Bestreben ging daher dahin, ein Fällmittel zu finden, das Fäden aus Kupferoxyd-Ammoniak-Celluloselösung
abschied, welche die oben erwähnten Nachfeile nicht zeigten. Ein solches ergab sich in einem erwärmten
zuckerhaltigen alkalischen Fällbade. Von diesem Zeitpunkt an wurde allmählich von dem sauren zum alkalischen
Fällbad übergegangen, und es zeigte sich, daß die oben erwähnten Mängel des Fadens verschwanden.
Es wurde nunmehr auch die Herstellung des künstlichen Roßhaares, welche bereits am 25. November 1904
zum Patent angemeldet wurde, in größtem Maßstab aufgenommen, und die Nachfrage war derart, daß
zeitweise weit über ein Drittel der Erzeugung aus diesem als „Sirius“ bezeichneten Produkt bestand.
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