History informations - Glanzstoff A.-G. (o2)

Informations to Vereinigte Glanzstoff Fabriken

Kommerzienrat Arthur Lossow

Geh. Kommerzienrat Theodor Schlumberger

Kommerzienrat Johann Urban

Kommerzienrat
Arthur Lossow

Geh. Kommerzienrat
Theodor Schlumberger

Kommerzialrat
Johann Urban

Dr. Jur. Willy Springorum

Alte Papiermühle, 1798, in Oberbruch

Fabrik in Oberbruch, 1902/3

Dr. Jur.
Willy Springorum

Alte Papiermühle, 1798,
in Oberbruch

Fabrik in Oberbruch,
1902/3


Nachdem die Vorarbeiten bis zur praktischen Verwertung der Erfindung durchgeführt waren, traten die beiden Erfinder in Gemeinschaft mit Herrn W. C. Fremery in Bonn, dem Kommanditisten der Rheinischen Glühlampenfabrik, an die Bergisch Märkische Bank, Filiale Aachen, heran, deren Direktor, Herrn Andreas Emmerling, das große Verdienst zufällt, die Bedeutung der Erfindung auf den ersten Blick erkannt zu haben, und der die Angelegenheit der Zentrale der Bergisch Märkischen Bank in Elberfeld überwies, wo sie bei dem Leiter der Bank, Herrn Dr. Hans Jordan und bei Herrn Dr. Alfred Wolff sofort eine begeisterte Aufnahme gefunden hat. Die Verhandlungen führten bald zu einer Verständigung zwischen den Erfindern und der Bank, welche die Bildung eines Finanzkonsortiums in die Hand nahm und das erforderliche Kapital zur Verfügung stellte. Abseits von diesem Konsortium hatte sich Herr Dr. Bronnert, Assistent von Professor Nölting an der Mülhauser Chemieschule, mit der direkten Auflösung der Cellulose in Kupferoxyd-Ammoniak beschäftigt. Als ihm die Erfolge der Rheinischen Glühlampenfabrik auf diesem Gebiete bekannt wurden, veranlagte er ein unter Führung von Herrn Kommerzienrat Th. Schlumberger in Mülhausen stehendes Konsortium zu einem Zusammenarbeiten mit der rheinischen Fabrik. Um die großen technischen und finanziellen Kräfte, die den beiden Gruppen zur Verfügung standen, zusammenzufassen, wurde ein gemeinschaftliches Zusammengehen beschlossen und dasselbe auch noch ausgedehnt auf eine drifte Gruppe sächsischer Textilindustrieller, welche unter Führung von Herrn Arthur Lossow in Glauchau beitrat, so daß das Gründungskonsortium aus einer rheinischen, einer elsässischen und einer sächsischen Gruppe bestand und damit sich das Interesse der für den Verbrauch des neuen Textilstoffes in erster Linie in Betracht kommenden Industriegebiete gesichert hat.
 
Am 19. September 1899 erfolgte im Gebäude der Bergisch Märkischen Bank zu Elberfeld die Gründung der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken Aktiengesellschaft mit einem Kapital von zwei Millionen Mark und dem Sitz in Aachen. Gründer waren die Herren Dr. jur. Hans Jordan und Dr. jur. Alfred Wolff als Vertreter der Bergisch Märkischen Bank in Elberfeld, Dr. Max Fremery in Oberbruch als Vertreter der Rheinischen Glühlampenfabrik, Kommerzienrat Theodor Schlumberger in Mülhausen i. Els., Arthur Lossow in Glauchau, Wilh. Carl Fremery in Bonn und Andreas Emmerling in Aachen. Zu Vorstandsmitgliedern wurden die Herren Dr. Max Fremery und Ingenieur Johann Urban in Oberbruch und Dr. Emil Bronnert in Mülhausen bestellt. Den ersten Aufsichtsrat bildeten die schon genannten Herren Dr. Hans Jordan, der den Vorsitz übernahm, Dr. Alfred Wolff, Andreas Emmerling, und W. C. Fremery als Vertreter der Bergisch Märkischen Bank und der rheinischen Gruppe, Kommerzienrat Th. Schlumberger und Alfred de Glehn, Direktor der Elsässischen Maschinenbauanstalt in Mülhausen i. Els. als Vertreter der elsässischen und Herr Arthur Lossow als Vertreter der sächsischen Gruppe. Der Name „Glanzstoff“ ist erst bei der Gründung geprägt worden. Die Absicht dabei war von vornherein, der Meinung, es handle sich um ein Surrogat für Naturseide, die Spitze abzubrechen. Die Gründer wollten damit zum Ausdruck bringen, daß das Produkt der neuen Gesellschaft nicht berufen sein solle, die Naturseide zu verdrängen, sondern daß es als selbständiges neues Textilprodukt sich neue und besondere Verwendungsgebiete erobern müsse. Die weitere Entwicklung hat die Richtigkeit dieser Ansicht allerdings nicht restlos bestätigt, denn die Kunstseide ist doch im Laufe der Jahre in viele Verwendungsgebiete eingedrungen, die früher die ausschließliche Domäne der Naturseide waren. Der Name „Kunstseide“ ließ sich durch die Bezeichnung „GLANZSTOFF“ nicht verdrängen. Glanzstoff ist aber zur Marke der Gesellschaft geworden und hat sich als solche die Welt erobert.
 
Das Programm der neuen Gesellschaft war zunächst die Erbauung je einer Fabrik in den drei genannten Hauptgebieten der Textilindustrie. Für das Rheinland war es gegeben, die seit 1897 von den Erfindern in Oberbruch betriebene kleine Versuchsanlage der Rheinischen Glühlampenfabrik in den Großbetrieb überzuführen. Zu diesem Zweck wurden die gesamten Anlagen dieser Fabrik käuflich erworben und damit die Grundlage geschaffen für die zurzeit größte Kunstseidenfabrik des Kontinents. Im Elsaß wurde eine Fabrik in Niedermorschweiler bei Mülhausen i. Els. erbaut. In Sachsen wurde ein geeignetes Grundstück in Glauchau erworben. Das Glauchauer Projekt ist jedoch nicht zur Ausführung gelangt.
 
Eine Reihe von Jahren stiller und rastloser Arbeit beginnt nun für die Leiter des jungen Unternehmens, die sich auf die kaufmännische Organisation, auf den Ausbau der beiden Werke, auf die Vervollkommnung der technischen Verfahren und auf die Ausarbeitung des Patentschutzes erstreckte. Der mit aller Energie aufgenommene Ausbau der Verkaufsorganisation führte bald zu der Notwendigkeit, den Sitz der Gesellschaft von Aachen nach Elberfeld zu verlegen, wo der Mittelpunkt der Wuppertaler Besatzindustrie als der damaligen Hauptabnehmerin von Kunstseide lag. Ferner wurde in der Person des Herrn Robert Freericks anfangs 1901 ein weiteres Mitglied des Vorstandes als Leiter der in Elberfeld eingerichteten kaufmännischen Abteilung gewonnen. Mitten in den Organisationsarbeiten am 9. Oktober 1901 hat die Gesellschaft ihren Mitbegründer und ihr Aufsichtsratsmitglied Herrn Andreas Emmerling durch den Tod verloren. Ein schweres Leiden hat uns diesen treuen Freund in seinen besten Jahren allzufrüh entrissen, so daß er die glänzende Entwicklung, die bald darnach einsetzte und zu deren Erreichung er jederzeit seine treue Mitarbeit zu Verfügung stellte, nicht mehr erlebt hat.
 
Bei dem technischen Ausbau des Verfahrens richteten die Leiter ihr Augenmerk zunächst auf eine geeignete Vorbereitung der Cellulose für den Lösungsprozeß durch Vorbehandlung mit alkalischer Lauge sowie durch Bleichen der zur Verwendung gelangenden Baumwolle. Anfänglich benutzte man die recht kostspieligen Kämmlinge von ägyptischer Baumwolle, aber es gelang allmählich, dieselben durch die sehr wohlfeilen Linters, d. h. die kurzen Fasern, die dem Baumwollsamen anhaften und sich für den Spinnprozeß nicht eignen, zu verdrängen. Auch das Lösungsmittel wurde in seiner Wirksamkeit wesentlich verbessert und es gelang, einen Teil des Kupfers durch Zugabe von Kupfersulfat und Natronlauge zum Kupferoxyd-Ammoniak ökonomisch zu ersetzen. Eine Hauptaufgabe für die wirtschaftliche Durchführung des Verfahrens lag jedoch in einer möglichst vollkommenen Wiedergewinnung der Komponenten des Lösungsmittels, Kupfer und Ammoniak, und dank einer verständnisvollen Arbeiterschaft und intelligenter Meister gelang es, das flüchtige Ammoniak bis zu 85% und das Kupfer bis zu 95% wiederzugewinnen und dadurch die hohe Wirtschaftlichkeit des Verfahrens sicherzustellen. Das Fällbad, welches der Abscheidung der Cellulose in Fadenform diente, war saurer Natur und bestand im wesentlichen aus 50 prozentiger Schwefelsäure. Es hatte sich jedoch ergeben, daß die aus sauren Bädern abgeschiedenen Fäden, gegenüber den aus Nitrocellulose erzeugten, gewisse Nachteile zeigten. Durch teilweise Abplattung ergaben sich spiegelnde Flächen, welche den aus dem Material hergestellten Artikeln ein glitzeriges, minderwertiges Ansehen gaben. Es gelang auch nicht mittels des sauren Fällbades, einen Einzelfaden von der Stärke eines Roßhaares - nach welchem große Nachfrage bestand - in einwandfreier Qualität zu erzeugen, vielmehr ergab sich, daß ein derart hergestelltes künstliches Roßhaar sehr brüchig war und sich nicht knoten ließ. Das Bestreben ging daher dahin, ein Fällmittel zu finden, das Fäden aus Kupferoxyd-Ammoniak-Celluloselösung abschied, welche die oben erwähnten Nachfeile nicht zeigten. Ein solches ergab sich in einem erwärmten zuckerhaltigen alkalischen Fällbade. Von diesem Zeitpunkt an wurde allmählich von dem sauren zum alkalischen Fällbad übergegangen, und es zeigte sich, daß die oben erwähnten Mängel des Fadens verschwanden. Es wurde nunmehr auch die Herstellung des künstlichen Roßhaares, welche bereits am 25. November 1904 zum Patent angemeldet wurde, in größtem Maßstab aufgenommen, und die Nachfrage war derart, daß zeitweise weit über ein Drittel der Erzeugung aus diesem als „Sirius“ bezeichneten Produkt bestand.
 


Quelle: I