History informations - J. P. Bemberg (56)

The end of the Perlon production (o3) - The End

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Das Ende der Perlon-Produktion - Das Ende
 
Die Bilder sind aus dem Bestand des Werkes "MEMBRANA GmbH, Wuppertal", welche das ehemalige Werk der "J. P. Bemberg AG" ist.


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Herr Dr. Zempelin in der Streckzwirnerei (Verstreckung)
 
Eine Maschine verarbeitete:
144 = 2 Seiten je 72 Spinnspulen = 12 Spinnerei-Wechsel je 12 Spinnstellen
 
Die Kopse besitzen innerhalb eines Einsatzes einen Kennring mit Farbmarkierungen der Type entsprechend (Perlon = zwei- und dreifarbig, Nylon = zwei- und dreifarbig; jedoch in der letzen Farbe mit schwarzen Quer-Strichen)
 

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Zwei Mitarbeiter bei einem der vielen Kopswechsel, hier wurde Nylon "hochglanz" verstreckt - gezwirnt - mittels Luftdüsen wrden zusätzlich die Filamente stark miteinander verwirbelt. Ein Arbeitswagen faßt 48 Kopse
 

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Anlieferung von Spinnspulen aus der Spinnerei für das Besetzen (Bestücken) einer Sreckzwirnmaschine
 
Die Spulen besitzen an den Außenrändern Farbmarkierungen der Type entsprechend
 
Flurförderfahrzeug "Ameise" - Sitzversion, die gab es auch als Stehversion.
 

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Ansicht der Spulentyp- und Kopstyp-Farbmarkierung
 

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Wie man hier sehr deutlich sehen kann ist zwischen den beiden gegenüberliegenden Maschinenhälften nicht viel Platz zum Arbeiten und zum navigieren (links: Masch. III/8, rechts: Masch. III/9)
 

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Blick in die Schärerei, hier der Saal 1 (direkt über der Streckzwirnerei), Mitarbeiteranteil = 99% Frauen
 

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Blick auf ein Schärgatter, die Mitarbeiterin repariert einen Faden in der Nähe des Aufwicklers (TKB = Teilkettbaum)
 

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Wechseln eines vollen gegen einen leeren TKB
 

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2 Teilansichten: oben = Fadenbremsen innerhalb des Schärgatters, unten = das Sammelriet (erste Zusammenführung der Fäden, hier 1400)
 

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Blick in das Schärgatter in Richtung Abzug
 


Das Perlon-Spinnen
 
Die Polyamid-Schnitzel - eine spinnfähige Substanz
 
Bei der Herstellung von Reyon gehen wir von der Cellulose aus. Diese Cellulose ist völlig unlöslich, sie läßt sich auch nicht durch Erhitzen schmelzen. Um sie verspinnen zu können, muß sie daher chemisch umgewandelt werden in eine spinnfähige fadenziehende Masse: die Viskose. Die Rückverwandlung des Viskose-Fadens in reine Cellulose erfolgt in einem Fällbad, also mit Hilfe eines neuen chemischen Prozesses.
 
Anders dagegen bei Perlon: hier haben wir bereits eine fertige spinnfähige Substanz vorliegen. Die Polyamid-Schnitzel sind durch Abkühlen der im VK-Rohr gewonnenen zähflüssigen Polymerisat-Schmelze entstanden. Sie lassen sich deshalb ohne Schwierigkeit durch Erhitzen wieder von dem festen Zustand in den zähflüssigen überführen. Der Chemiker nennt die dafür erforderliche Temperatur "den Schmelzpunkt" oder "den Umwandlungspunkt erster Ordnung". Sie beträgt bei Perlon ca. 215° C. Wir brauchen die Schnitzel also nur auf eine höhere Temperatur als 215° C zu erhitzen, um eine Schmelze zu erhalten, welche, wenn man sie durch Düsenlöcher preßt, direkt zu Fäden versponnen werden kann.
 
Was das Aufschmelzen bewirkt
 
Man kann die feste Perlon-Masse- oder richtiger: Polyamid-Masse (Perlon ist ja kein chemischer Begriff, sondern ein eingetragenes Markenzeichen) - mit einem stark gepreßten Wattevlies vergleichen. Jedes einzelne Fäserchen dieses Wattevlieses stellt sozusagen eine außerordentlich stark vergrößerte Form der fadenartigen Makromoleküle in den Polyamid-Schnitzeln dar. Lockern wir den Zusammenhalt zwischen den einzelnen Fasern auf, so wird es uns möglich, aus dem Wattevlies einzelne Fäden herauszuziehen. Durch das Aufschmelzen der Polyamid-Masse wird in ähnlicher Weise der Zusammenhalt der Makromoleküle untereinander verringert, so daß die Form des Körpers beliebig verändert werden kann.
 
Im Gegensatz zu den niedermolekularen Stoffen, die in geschmolzenem Zustand im allgemeinen wasserdünne Schmelzen auf weisen, ist die aufgeschmolzene Polyamid-Masse außerordentlich zähflüssig, also viskos. Wenn wir zu Silvester Blei schmelzen, so können wir aus dem Löffel das flüssige Blei heraustropfen lassen.
 
Ein zähflüssiger Faden
 
Versuchen wir das mit den Polyamid-Schnitzeln, so stellen wir fest, daß sich die Schmelze nicht in Form von Tropfen aus dem Löffel gießen läßt. Beim Ausgießen wird sie vielmehr als zähflüssiger zusammenhängender Faden herabfließen, ohne dabei abzureißen. Die langen fadenartigen Makromoleküle besitzen demnach im geschmolzenen Zustand noch einen gewissen Zusammenhalt. Dieser Zusammenhalt äußert sich in der Zähflüssigkeit der Schmelze, der Schmelzviskosität. Der Grad der Zähflüssigkeit gibt uns, ähnlich wie bei der Viskose, einen Maßstab für die mittlere Größe der Fadenmoleküle. Der Chemiker muß deshalb vor dem Verspinnen die Molekülgröße im Labor durch Messungen dieser Viskosität laufend überprüfen, um eine immer gleichbleibende Qualität zu erhalten.
 
Das Wesen des Schmelzspinnverfahrens
 
Carothers hat seinerzeit seine ersten Nylon-Fäden hergestellt, indem er an die feste Nylon-Masse einen heißen Glasstab hielt. Von dem heißen Glasstab wurde etwas Nylon aufgeschmolzen, welches er in Form eines Fadens ausziehen konnte. Wir schmelzen heute unser Polyamid in großen Mengen auf und pressen es durch feine Düsen. Nach dem Austritt aus der Düse erstarrt die zähflüssige Masse an der Luft in Form eines feinen Fadens. Das ist mit wenigen Worten der Spinnvorgang.
Wir sehen, daß das Perlon-Spinnverfahren also ohne chemische Umwandlung, ohne Lösungen und ohne Fällbäder arbeitet. Es ist praktisch nur die Umformung der Schmelze zu dünnen Schmelzefäden, die sich allein durch Auskühlung an der Luft verfestigen. Wir brauchen dazu nur Wärme zum Aufschmelzen und Luft von Zimmertemperatur zum Wiederabkühlen. Das Perlon-Spinnverfahren ist demnach ein "Schmelzspinnverfahren".
 
Es ist der gleiche Vorgang, wie wir ihn bei einem Glasbläser betrachten können, wenn er einen Glasstab vor seine Gebläseflamme hält, einen kleinen Abschnitt davon bis zum Schmelzen erhitzt und durch Ziehen an einem Ende des Stabes einen immer dünner werdenden Glasfaden abzieht.
 
Langwierige Entwicklungsarbeiten
 
Als die ersten schmelzbaren und fadenbildenden Polyamide in den dreißiger Jahren gefunden wurden, hatte die Technik für sie noch kein geeignetes Schmelzspinnverfahren zur Verfügung, das man auf die neuen Substanzen nur zu übertragen brauchte. Man wählte deshalb zunächst das einfache Verfahren, wie es der Glasbläser beim oben angeführten Beispiel durchführt: das Stabschmelzverfahren und seine Variante, den Bandspinnkopf. Diese bereits aufgegebenen Verfahren sollen hier nicht weiter erklärt werden. Wir arbeiten heute nach einem anderen Verfahren, dem Rostspinnverfahren. Die ersten Fäden ähnelten dabei mehr Borsten als textilen Gebilden. Es mußte ja auch erst in jahrelanger Arbeit und zahllosen Versuchen die günstigste Kettenlänge der Makromoleküle ermittelt werden, die den Polyamid-Fäden die überragenden Festigkeitswerte verleihen.
 
Es war also kein Wunder, daß der erste, von Carothers aus seinem neuen Kunststoff, dem Nylon, hergestellte Gebrauchsgegenstand, der ja den Wert seiner Erfindung beweisen sollte, nur eine Zahnbürste mit Nylon-Borsten war. Die Forschungskosten, die bis zum Vorliegen dieses ersten sichtbaren Erfolges von der Firma DuPont de Nemours aufgewendet waren, betrugen bereits weit über 1 Mill. Dollar. Es war deshalb für Carothers eine bis zur Verzweiflung reichende Enttäuschung, als beim ersten Gebrauch, also bei der Vorführung, diese Zahnbürste sofort unbrauchbar wurde und die Borsten zersplitterten. Es war noch ein mühevoller Weg, bis es Jahre später gelang, einen textilen Faden aus den Polyamiden herzustellen, der sogar so hochwertig war, daß daraus stark beanspruchte Gewebe, wie z.B. Fallschirme, hergestellt werden konnten.
 
Vieles ist zu beachten
 
Wenn wir heute in der Technik Polyamid-Schnitzel durch Aufschmelzen in textil - brauchbare Fäden umwandeln können, so ist uns die Voraussetzung dazu nicht nur durch die konstruktive Ausbildung der komplizierten Apparaturen gegeben. Vielmehr müssen wir dabei die Eigenarten der Perlon-Substanz berücksichtigen, wenn wir sie nicht beim Spinnprozeß und seinen hohen Temperaturen wieder verändern oder zerstören wollen.
 
Kein zu hoher Feuchtigkeitsgehalt ...
 
Die Perlon-Substanz ist befähigt, bei Lagerung an der Luft eine geringe Menge Feuchtigkeit in sich aufzunehmen. Bevor wir die Schnitzel schmelzen, müssen wir sie so weit trocknen, daß sie nicht mehr als 0,1 % Wasser enthalten. Werden sie nämlich mit einem höheren Feuchtigkeitsgehalt aufgeschmolzen, so verdampft dieses Wasser und es entsteht eine blasige Schmelze. Fäden aus einer solchen Schmelze wären mit Wasserdampfbläschen durchsetzt, die bei der Weiterverarbeitung der Fäden Schwierigkeiten machen oder sogar schon beim Spinnprozeß ein Abreißen des Fadens bewirken würden. Auch muß das Schmelzen der Polyamid-Masse unter striktem Ausschluß von Luftsauerstoff erfolgen. Obgleich festes Perlon bei normaler Temperatur gegen Sauerstoff nahezu unempfindlich ist, wird geschmolzenes Perlon bei den erforderlichen hohen Temperaturen
 
... und kein Luftsauerstoff !
 
von Luftsauerstoff sehr stark angegriffen, das heißt, die langen Kettenmoleküle werden teilweise in kürzere Stücke aufgespalten und die gesamte Masse verfärbt sich gelb oder sogar braun. Wir erinnern uns an den Aufbau des Kettenmoleküles aus Aminocapronsäure, die wir uns als Kabelschnüre mit je einem Stecker, der Aminogruppe, und einer Steckdose, der Carboxylgruppe, vorstellten. Der Luftsauerstoff greift die Amidgruppe an, verändert sie und zerstört damit den "Stecker". Die Folge ist ein Auseinanderfallen der Verbindung. Wir haben dann in dem fertigen Faden nicht mehr Moleküle von der gewünschten Durchschnittslänge (rd. 100 Caprolactam-Einheiten), sondern nur halb so große oder noch kleinere. Mit einem Wort: Es tritt ein "Viskositätsabbau" ein. Außer dem Verfärben ergeben sich auch größere Schwierigkeiten beim Spinnen. Sobald die Kettenmoleküle zu kurz werden, tritt die Spinnschmelze aus den Düsenöffnungen nicht mehr in Form eines zähflüssigen zusammenhängenden Fadens aus, sondern dünnflüssig und mitunter in Tropfen. Selbst geringe Mengen von Sauerstoff verändern die Polyamid-Masse so weitgehend, daß die Fäden geringere Festigkeitswerte aufweisen würden. Bei den nachfolgenden Verarbeitungsprozessen, insbesondere beim Strecken, könnten sie leicht reißen. Zur Vermeidung des Zutritts von Luftsauerstoff muß daher das Schmelzen der Polyamid-Schnitzel in Gegenwart eines Schutzgases, und zwar von trockenem Stickstoff, durchgeführt werden. Wir wollen nun eine Perlon-Spinnmaschine betrachten und den Werdegang des Fadens verfolgen:
 
Durchs "Schleusenrohr" ...
 
Eine Spinnmaschine hat im allgemeinen 24 einzelne Schmelzaggregate, die Spinnköpfe, welche gemeinsam durch ein Heizsystem mit der zum Schmelzen benötigten Wärme versorgt werden. Aus dem Vorratsbehälter fallen die Schnitzel durch ein sogenanntes Schleusenrohr in den eigentlichen Schmelzkopf, in dem das Schmelzen vor sich geht. Das Schleusenrohr bildet den Übergang vom kalten Schnitzelbehälter zum heißen Schmelzkopf. In ihm werden die Schnitzel, bevor sie geschmolzen werden, durch Spülen mit Stickstoff von anhaftenden kleinen Luftmengen befreit, sozusagen gewaschen.
 
... auf den "Rost" ...
 
Die Schnitzel gelangen dann auf den sogenannten Rost, das ist derjenige Teil der Spinnapparatur, auf dem sie fortlaufend aufgeschmolzen werden. Er befindet sich in einem Heizmantel, der von außen auf die erforderliche Spinntemperatur von ca. 270° C gebracht wird. Der Rost selbst wird durch ein zu einer ebenen Spirale gebogenes Rohr gebildet, durch den ein ebenfalls auf 270° C erwärmtes Heizmittel fließt. Bei Berührung mit der heißen Metallfläche schmelzen die Schnitzel und tropfen durch die Zwischenräume der Spirale in ein darunter befindliches trichterförmiges Auffanggefäß, den sogenannten Sumpf.
 
... und in den "Sumpf"

Hier sammeln sich die einzelnen Tropfen als zähflüssige Schmelze an, vermischen sich miteinander und finden noch Zeit, zu entgasen. Dabei werden die den Tropfen anhaftenden kleinen Stickstoff mengen oder durch Zersetzung der Schmelze entstandene Gasblasen ausgeschieden. Hierzu braucht die Schmelze natürlich eine gewisse Zeit, damit die Bläschen nach oben aufsteigen können und die im unteren, spitzen Teil des trichterförmigen Sumpfes befindliche Schmelze so weitgehend blasenfrei wird, daß wir sie zur Düse weiterleiten können.
 
Was geschieht während der "Verweilzeit" ?
 
Wir nennen die Zeit, während der die Schmelze im Spinnkopf ruht, "Verweilzeit ". Je länger sie ist, desto besser entgast zwar die Schmelze, aber um so mehr stellt sich wieder das ursprüngliche "chemische Gleichgewicht" in der Schmelze ein. In geschmolzenem Zustand erleidet nämlich die Perlon-Substanz mit der Zeit wieder fortlaufend einen Zerfall in das "Monomere", in ihre Ursubstanz: das Caprolactam. Daneben findet, wie bei der Herstellung im VK-Rohr, auch hier wieder eine Neubildung von Kettenmolekülen statt: Bei fortlaufendem Zerfall und Wiederaufbau von Ketten infolge zu langer Erhitzungszeit wird wieder die dem Gleichgewicht entsprechende Menge von 10 % Monomerem gebildet. Die ganze Arbeit zur Entlactamung der Schnitzel, die wir vor dem Verspinnen vornahmen, wäre umsonst, wenn es nicht gelänge, die Schmelze bei noch befriedigender Entgasung so schnell durch den Spinnkopf zu fördern, daß die Rückbildung nur in geringem Maße erfolgt.
 
Ein Wettlauf mit der Zeit
 
Dieser Wettlauf mit der Zeit führt natürlich zu einem Kompromiß. Man ist schon sehr zufrieden, wenn sich beim Spinnen weniger als 3 1/2 % an Monomerem zurückbildet. Das ist auch leicht zu erreichen, wenn man auf einem Spinnkopf immer nur einen Titer spinnt, das heißt immer nur eine bestimmte Menge je Zeiteinheit abschmelzen und die Schmelze im "Sumpf" die gewünschte Zeit verweilen läßt. In der Praxis muß aber ein Schmelzkopf auf verschiedene Titer umgestellt werden und deshalb mal mehr und mal weniger Schmelze in der Minute durchsetzen. Da der Sumpf jedoch immer gleich groß ist, wird bei geringer Abschmelzleistung zwangsläufig eine höhere Verweilzeit eintreten als bei großer Abschmelzleistung. So wird beispielsweise bei einem Sumpfinhalt von 1 400 g und einer an die Pumpe abgegebenen Menge von 50 g/min, die Verweilzeit 28 Min. betragen, bei 20g geförderter Schmelze dagegen aber bereits 1 Stunde 10 Min. Um auf gleiche Verhältnisse zu kommen, müßte man in letzterem Falle einen Spinnkopf (Rost) mit weniger als halb so großem Sumpfinhalt, also mit 560 g wählen. Das würde bedeuten, daß man für jeden Titer einen eigenen Schmelzkopf installieren müßte. Das ist aber unwirtschaftlich und im Betrieb schwerfällig. Auf einem Rost muß man zwei oder drei verschiedene Titer spinnen können. Dies gelingt auch, wenn sich der Techniker genügend mit den Moleküleigenschaften, insbesondere mit dem Zerfall von Hochpolymeren in der Hitze, auskennt. Die Menge an zurückgebildetem Lactam hängt nämlich, wie jedes chemische Gleichgewicht, nicht nur von der Verweilzeit ab, sondern auch von der Höhe der Temperatur, bei der man die Schmelze verarbeitet. Bei gleicher Zeit, aber tieferer Temperatur, das heißt unter 270° C, bildet sich weniger Lactam zurück. Man hat es also bei geschickter Wahl zwischen Verweilzeit und Spinntemperatur in der Hand, immer bei dem gewünschten Optimum zu arbeiten: nicht mehr als 3 1/2 % Lactam im Faden. Natürlich wird indem einen Falle die Entgasung besser sein als in einem anderen, bei dem man zwangsläufig nur eine kürzere Verweilzeit zur Verfügung hat. Die noch verbliebenen kleinen Gasmengen werden dann durch die Druckpumpe entfernt, die jetzt beschrieben werden soll. Wie beim Spinnen der "Viskose-Fäden" werden zur Förderung der Schmelze auch hier Zahnradpumpen verwendet. Beim Schmelzspinnen von Perlon, Nylon und Diolen verwendet man jedoch zwei hintereinander geschaltete Zahnradpumpen, nämlich eine sogenannte Druckpumpe und eine Titerpumpe, die wir schon von der Verarbeitung der Viskose her kennen: die Meßpumpe. Warum zwei Spinnpumpen ?
 
Der Titerpumpe ...
 
Die Schmelzen sind erheblich zäher als Viskose. Um sie durch die Filter und feinen Düsenlöcher, die nur 1/4 mm im Durchmesser stark sind, pressen zu können, sind sehr hohe Drucke erforderlich. Hätten wir hier nur eine Titerpumpe allein, so müßte sie diesen hohen Druck erzeugen und dabei gleichzeitig ihre Hauptaufgabe erfüllen, nämlich immer genau dosierte Mengen fördern, damit der Faden keine Titerschwankungen bekommt. Dies wäre für diese Pumpe allein, die noch dazu den hohen Temperaturen ausgesetzt ist, auf die Dauer eine zu starke Belastung.
 
... wird eine Druckpumpe vorgeschaltet
 
Um ihr die Arbeit zu erleichtern, schalten wir ihr also eine zweite Pumpe, die Druckpumpe, vor, die ihr die Schmelze schon mit dem erforderlich hohen Spinndruck zuführt. Die Meßpumpe braucht also nur noch zu dosieren. Die Druckpumpe erfüllt darüber hinaus noch einen weiteren Zweck: Wir sahen, daß sich im Sumpftrichter nicht immer alle feinen Gasbläschen aus der Schmelze entfernen lassen. Sie würden nämlich länger als eine Stunde benötigen, um alle aufzusteigen. In dieser Zeit könnten sich durch Zersetzung der Schmelze wieder neue bilden. Diese letzten Reste an feinen Gasbläschen werden durch den Druck, den die Druckpumpe erzeugt, in der Schmelze gelöst und dadurch zum Verschwinden gebracht. Es wird nun eine klare Schmelze von der Meßpumpe durch die Düse gefördert. Dies ist beim Verspinnen von Nylon und Diolen von besonderer Bedeutung.
 
Filter aus Edelstahl
 
Auch bei diesem "Schmelzspinnprozeß" ist, wie bei der Viskose, vor der Düse ein Filter angebracht, um etwaige Schmutz- und Metallteilchen abzufiltern, damit sie nicht die empfindlichen Düsenlöcher verstopfen oder gar in den Faden gelangen können. Solche Filter müssen wegen der hohen Spinntemperatur aus Geweben aus Edelstahl (VA) bestehen, die mehrere tausend Maschen pro Quadratzentimeter besitzen.
 
Die Spinndüsen
 
Als Schmelzefaden tritt die Schmelze durch die Düsenlöcher nach unten in die Luft aus. Die Düsenplatten sind mehrere Millimeter stark. Sie müssen dem erheblichen Druck der Schmelze gewachsen sein, der bis zu 70 atü betragen kann. Je nach der Zahl der Düsenlöcher besteht ein Perlon-Garn aus 3, 6,12, 24, 48 oder mehr Einzelfäden. In besonderen Fällen wird auch eine Spinndüse mit nur einer einzigen Öffnung verwendet, man erhält dann nur eine "Kapillare", das sogenannte "Monofil". Ein monofiler Perlon-Faden wird speziell für die Herstellung feiner Damenstrümpfe gesponnen.
 
Der Vorteil der hohen Abzugsgeschwindigkeiten
 
Nach Verlassen der Düsenbohrungen fallen die Perlon- Fäden durch einen 4-6 m langen Spinnschacht nach unten und werden durch eine Aufspulmaschine aufgenommen. Sie zieht den noch geschmolzenen Faden mit einer Geschwindigkeit von 400-1000 m/min, ab. Die Schmelze muß also innerhalb von 0,02-0,1 Sekunden durch Abkühlung fest werden. In dieser kurzen Zeit geben wir dem neugeborenen Faden alle Voraussetzungen für seine textile Brauchbarkeit mit, die der Viskosefaden im Fällbad erhält. Die Makromoleküle der Perlon-Substanz liegen in den Schmelzefäden nach Verlassen der Düse noch wirr durcheinander. Solange der Faden noch schmelzflüssig, also weich ist, müssen wir bereits die Makromoleküle ordnen, wie bei der Herstellung des Viskosefadens. Wir erreichen das durch ein Ausziehen der Schmelzefäden, indem wir die Abzugsgeschwindigkeit größer einstellen als die Austrittsgeschwindigkeit der Schmelzefäden aus den Düsenlöchern. Gegenüber allen anderen Spinnverfahren, insbesondere dem der Viskose, bietet gerade das "Schmelzspinnverfahren" den großen Vorteil, daß mit hohen Abzugsgeschwindigkeiten gearbeitet werden kann. Dadurch ergibt sich für jeden einzelnen Spinnkopf eine sehr hohe Tagesleistung, die je nach Titer 30-70 kg beträgt.
 
Der Faden wird "vororientiert"
 
Infolge der hohen Abzugsgeschwindigkeiten werden die Schmelzefäden um das 20-70fache ihrer ursprünglichen Länge ausgezogen, dadurch werden sie zwangsläufig entsprechend dünner, bevor sie erstarren. Trotz des starken Ausziehens können sich jedoch nicht alle Makromoleküle ordnen, also parallel legen. Ein großer Teil bleibt vorerst ungeordnet. Der Fachmann sagt: Der Faden wird nur "vororientiert". Die endgültige Orientierung, die dem Faden seine hohe Festigkeit gibt, erfolgt erst durch den späteren Verstreckprozeß. Beim Viskose-Verfahren kann das Verstrecken unmittelbar nach dem Spinnen erfolgen, bei Perlon, das ja mit wesentlich höheren Geschwindigkeiten gesponnen werden muß, ist das technisch nicht durchführbar. Das Verstrecken erfolgt also in einem zweiten getrennten Arbeitsgang, den wir im nächsten Kapitel eingehend behandeln werden. Zurück zum Spinnprozeß: Wir sahen, daß sich der Perlon-Faden im Spinnschacht im Bruchteil einer Sekunde vororientiert und durch Abkühlung an der Luft verfestigen muß. Im übertragenen Sinne entspricht die Luft dem Fällbad der Viskose.
 
Gleichmäßige Abkühlung
 
Der Gleichmäßigkeit der Abkühlung der einzelnen Kapillaren im Spinnschacht kommt eine erhebliche Bedeutung zu. Es soll dabei nicht nur vermieden werden, daß die Kapillarfäden im schmelzflüssigen Zustand aneinanderschlagen. Auch die Titergleichmäßigkeit des Fadens und das Orientierungsvermögen bzw. der Grad der Verstreckbarkeit des Fadens werden durch die Art der Abkühlung entscheidend beeinflußt. Aus diesem Grunde wird das Fadenbündel im oberen Teil des Spinnschachtes, das heißt kurz unterhalb der Düse, mit einem gleichmäßigen Luftstrom horizontal angeblasen. In diesem Anblasschacht müssen Luftmenge und -Verteilung sehr genau eingestellt werden, denn die Abkühlgeschwindigkeit ist von Einfluß auf den Titer, die Festigkeits- und Dehnungswerte.
 
Die Bestimmung des Titers
 
Durch Erhöhung oder Erniedrigung der Abzugsgeschwindigkeit haben wir es in der Hand, den Faden mehr oder weniger stark auszuziehen und auch auf diesem Wege den Titer in weitem Maße zu verändern. Wie bei allen anderen Spinnverfahren wird also auch hier der Titer durch die geförderte Menge (Schmelze) und durch den Abzug der Spinnmaschine bestimmt.
 
Zwei zusätzliche Behandlungen: ...
 
Das Aufnahmeorgan für den Faden ist die Spinnspule, die einige Kilogramm Fadengewicht aufnehmen kann. Ehe er diese erreicht, muß er noch zwei zusätzliche Behandlungen über sich ergehen lassen, die für seine Entwicklung zum Textilgarn von entscheidender Bedeutung sind. Das sind die "Anfeuchtung" und die "Präparation".
 
"Anfeuchtung" ...
 
Unser neugeborener Faden ist naturgemäß völlig trocken. Die Perlon-Substanz hat jedoch das Bestreben, bei Lagerung an der Luft sehr rasch Feuchtigkeit (ca. 4 %) aufzunehmen, womit eine Quellung des Fadens verbunden ist, durch die er auch in der Länge zunimmt. Ein auf der Spinnspule befindliches, absolut trockenes Gespinstpaket würde deshalb nach kurzer Lagerzeit locker werden und seine exakte Form verlieren. Die Fäden würden bei der Weiterverarbeitung nicht mehr reibungslos von der Spule ablaufen können. Beschädigungen an Einzelkapillaren und häufiges Abreißen des gesamten Fadenbündels wären die Folge. Deshalb gibt man dem jungen Faden unmittelbar nach dem Verlassen des Spinnschachtes schon die Menge Feuchtigkeit mit, die er später an der Luft aufnehmen würde. Er "quillt" also schon vor dem Auflaufen auf die Spinnspule weitgehend aus, so daß nun das Gespinstpaket in seiner Form beständig bleibt.
 
Eine wirklich gleichmäßige Dosierung der Feuchtigkeit auf allen gesponnenen Spulen ist nur dann gewährleistet, wenn die Aufwickelung stets unter gleichen Klimaverhältnissen erfolgt. Die Luftfeuchtigkeit des Raumes wird daher so eingestellt, daß der Faden am Ende weder Feuchtigkeit abgibt noch zusätzlich aufnehmen kann.
 
... und "Präparation"
 
Unmittelbar nach der Befeuchtung erfolgt die zweite Behandlung: die Präparierung. Dabei werden die einzelnen Kapillaren mit einem dünnen Ölfilm überzogen, der es nun ermöglicht, alle zu einem geschlossenen Fadenbündel zusammenzufassen (Fadenschluß). Außerdem erhält das Fadenbündel so die zur Weiterverarbeitung auf der Streck-und Zwirnmaschine nötige Glätte.
 
Die auf der Spinnspule gespeicherten Perlon-Fäden müssen noch mehrere Nachbehandlungen physikalischer und auch chemischer Natur durchmachen, bevor sie von unseren Kunden weiterverarbeitet werden können.

Was geschieht beim Verstrecken ?
 
Wichtigster Arbeitsgang der textilen Aufarbeitung
 
Die beim Schmelzspinnen gewonnenen rohen Fäden, deren Herstellung im vorhergehenden Kapitel beschrieben wurde, sind in der auf der Spinnspule vorliegenden Form noch nicht gebrauchsfähig. Die Fäden besitzen noch nicht die hohen Festigkeiten, die wir als besonderes Merkmal des Perlon-Fadens kennen.
 
Wie wir hörten, fehlt ihnen die weitere Orientierung der Makromoleküle, die wir ihnen erst jetzt beim nachfolgenden Streckprozeß geben können. Erst durch den Streckprozeß werden die Eigenschaften des Fadens voll entfaltet. Er ist der wichtigste Vorgang der textilen Aufarbeitung, bei dem der rohe, bereits feste Faden um ein Mehrfaches seiner Länge (etwa 3- bis 5fach) ausgezogen wird. Für diesen Vorgang haben wir keinen befriedigenden Vergleich aus dem täglichen Leben. Es ist eine Erscheinung, die wir näher erläutern müssen.
 
Perlon läßt sich "kalt verstrecken"
 
Wenn wir einen Eisendraht oder einen Glasstab in beide Hände nehmen und versuchen, ihn in die Länge zu ziehen, so gelingt uns das nicht. Anders dagegen bei einem rohen Perlon-Faden: ihn können wir in kaltem Zustand mit geringer Zugkraft um das 3- bis 5fache auseinanderziehen, was uns dagegen bei einem Glasstab erst gelingt, wenn wir ihn an einer Stelle hoch erhitzt haben. Der Perlon-Faden läßt sich also kalt verdehnen, ohne jedoch wie ein Gummifaden wieder zurückzuschnellen. Die Unterschiede liegen in dem Molekülaufbau der verglichenen Substanzen.
 
Ein Blick in die Molekülstruktur des unverstreckten Fadens
 
Man nimmt an, daß ein Teil der Makromoleküle der Polyamid-Substanz im ungeordneten Zustand in spiraliger oder geknäuelter Form vorliegt. Andere Teile der Makromoleküle liegen dagegen in langgestreckter Form vor, wobei sich mehrere parallel aneinander gelagert haben können. Versuchen wir nun, den Polyamid-Faden zu verziehen, so brauchen wir nur wenig Kraft, um die spiraligen und die parallel liegenden Moleküle in die Länge zu ziehen.
 
Die Moleküle haben untereinander noch keinen festen Zusammenhalt und lassen sich bei Zimmertemperatur noch bewegen. Parallel liegende Moleküle gleiten dabei um eine bestimmte Strecke aneinander vorbei, spiralige ziehen sich lang und ungeordnete, wirr liegende Moleküle legen sich in die Längsrichtung, also parallel zur Fadenachse.
 
Die "Einfriertemperatur"
 
Anders dagegen beim Eisen. Hier sind die kurzen Moleküle bei Zimmertemperatur kristallisiert und daher unbeweglich. Wir haben es also nur einem glücklichen Umstand zu verdanken, daß ein Großteil der Polyamid - Moleküle bei Zimmertemperatur nicht kristallisiert, also nicht eingefroren vorliegt. Dieser Zustand wird auch amorph genannt (amorph - griech. = ohne Gestalt). Es gibt auch für Perlon eine Temperatur, die "Einfriertemperatur", die in der amerikanischen Fachsprache der "Umwandlungspunkt zweiter Ordnung" (Der "Umwandlungspunkt zweiter Ordnung" bedeutet, genau gesehen, die Temperatur, bei der eine sprunghafte Veränderung der Dichte und der Dielektrizitätskonstante eintritt.) genannt wird, unterhalb der die Moleküle unbeweglich werden. Diesen für Makromoleküle charakteristischen Umwandlungspunkt zweiter Ordnung gibt es beim Stahl nicht.
 
Wie entsteht der "Flaschenhals" ?
 
Wenn wir nun einen unverstreckten Perlon-Faden zwischen beide Hände nehmen und verziehen, so beginnen an irgendeiner bevorzugten Stelle einige Fadenmoleküle aneinander vorbeizugleiten. Es entsteht Reibungswärme, die in einem ganz kleinen Bereich des Fadens, also in einem Punkt, erstmals auftritt. Unter dem Einfluß der Wärme wird der Zusammenhalt der benachbarten Makromoleküle verringert. Die in der Nähe des erhitzten Punktes liegenden Makromoleküle werden so leicht beweglich, daß sich ein scharfer Übergang von dem unverstreckten Teil des Fadens über den erhitzten Punkt zum verstreckten Teil bildet. Man nennt diesen scharfen Übergang von verstreckt zu unverstreckt den "Flaschenhals".
 
Dieser Flaschenhals ist für das Verstrecken von Polyamiden und Polyestern charakteristisch (das Verstrecken des Viskose-Garnes im Fällbad findet allmählich auf einer wesentlich längeren Strecke statt). Das den Flaschenhals verlassende, erste verstreckte Stückchen des Fadens kühlt sich gleich wieder aus, und so erscheint der ganze Prozeß, äußerlich betrachtet, als "Kaltverstreckung".
 
Die Kettenmoleküle ordnen sich zu Kristalliten
 
Wir sprachen bereits über den Glasstab, den wir an einer Stelle durch die Gebläseflamme hoch erhitzen und zu einem Faden ausziehen können. Wir können den Glasfaden in jede beliebige Länge und Stärke ausziehen. Beim Verstrecken des Perlon-Fadens gelingt dieses Ausziehen nur in einem ganz bestimmten - durch die Spinnbedingungen festgelegten - Verhältnis, nämlich um das 3- bis 5fache seiner Länge. Wir können ihn durch leichten Zug in diesem Verhältnis verstrecken, dann aber fühlen wir plötzlich einen großen Widerstand; das Strecken ist nur noch mit sehr großer Kraft möglich, bis der Faden schließlich reißt.
 
Unsere Fadenmoleküle haben sich geordnet und parallel gelegt. Was ist dabei geschehen? Durch den Zug sind viele benachbarte Kettenmoleküle aneinander vorbeigeglitten. Bei einer ganz bestimmten Stellung zueinander beginnen sie fest aneinander zu haften; sie bilden Kristalle, die sich nicht mehr weiter verstrecken lassen. Diese Kristalle sind außerordentlich klein, viele Tausende in einem Millimeter Faden. Wegen ihrer Kleinheit werden sie Kristallite genannt.
 
Außer den "Steckern" und "Steckdosen" ...
 
Betrachten wir noch einmal den Aufbau eines Perlon-Makromoleküls: Es besteht, wie wir auf Seite 37 sahen, aus vielen aneinander-gesteckten Kabelschnüren der Aminocapronsäure, wobei die NH-Gruppe den Stecker und die CO-Gruppe die Steckdose darstellen sollen:
 
In Wirklichkeit ist der Aufbau noch komplizierter, da sich die einzelnen Bausteine der Aminocapronsäure und damit des gesamten Makromoleküls zickzackförmig anordnen:
 
Nach ihrer Vereinigung besitzen jedoch Stecker und Steckdose noch so viele freie Kräfte, daß jeder einzelne eine weitere, aber wesentlich schwächere Bindung mit einem anderen Partner aus einem Nachbar-Fadenmolekül eingehen kann.
 
... enthalten die Kabelschnüre noch "Druckknöpfe"
 
Wir können uns das bildlich vorstellen, wenn wir alle Stecker noch mit einem Druckknopf versehen, mit dessen Hilfe sich einige Nachbar-Fadenmoleküle verbinden können. Dies ist jedoch nur möglich, wenn sich die einzelnen Partner genau gegenüberstehen, so daß die Druckknöpfe einrasten können:
 
Wir sehen, daß das Einrasten bei Perlon nur an jedem zweiten Stecker möglich ist; die anderen bleiben frei.
 
Durch das "Einrasten" erhält der Faden seine Festigkeit
 
Im Gegensatz zu der Vororientierung beim Spinnen, die, wie wir sahen, nur teilweise parallel lagert, wird beim Verstrecken die Mehrzahl der Moleküle so lange gegeneinander parallel verschoben, bis die Haftstellen nebeneinanderliegender Kettenmoleküle sich genau gegenüberstehen. Durch das "Einrasten" erhält der Faden jetzt seine Festigkeit: nun ist er "orientiert". Die Moleküle, die beim Spinnen nicht vororientiert wurden, bleiben auch nach der Verstreckung noch amorph. Sie haben leicht geschlungene, mitunter spiralige Form, durchziehen die kristallinen Bereiche des Fadens, verbinden sie miteinander und tragen so für den Zusammenhalt des Ganzen Sorge. Darüber hinaus wirken die amorphen Teile als Weichmacher für die kristallinen Bereiche und ermöglichen dadurch die hohe Biegsamkeit des Fadens. Wenn wir den verstreckten Faden später einer Zugkraft aussetzen, dann lassen sich diese amorphen Stellen noch etwas ausziehen. Der Faden behält dadurch eine Restdehnung, das heißt, wir können ihn noch einmal um einen gewissen Betrag seiner Länge (ca. 14-35 %) verziehen, bevor er zerreißt.
 
Die Restdehnung ...
 
Diese Dehnung ist für die Verarbeitung eines Textilgarnes sehr wichtig. Bei plötzlicher oder ruckartiger Belastung, wie sie z.B. im Ohr einer Nähmaschinennadel, besonders bei hoher Nähgeschwindigkeit, auftritt, soll der Faden ja etwas nachgeben und nicht gleich zerreißen.
 
... ist teilweise "reversibel"
 
Die Größenordnung der Dehnung können wir beim Streckprozeß beliebig einstellen, indem wir das Streckverhältnis größer oder kleiner wählen. Es ist nun eine besondere Eigenart des Polyamid-Garnes, daß diese Dehnung teilweise "reversibel", also rückläufig ist. Wenn wir den verstreckten Faden durch starke Belastung gedehnt haben und ihn dann entlasten, so federt er in seiner Länge weitgehend zurück. Wegen dieser Eigenart erschließen sich dem Polyamid- Faden eine Vielzahl von neuen Einsatzgebieten, besonders im technischen Sektor, für die andere Natur- oder Chemiefasern nicht so gut geeignet sind, wie z. B. Tauwerk für den Schiffschlepp. Diese Elastizität ist natürlich auch bei vielen textilen Gebilden, insbesondere bei Damenstrümpfen, von Vorteil.
 
Der Arbeitsgang auf der Streckzwirnmaschine
 
Der komplizierte Vorgang der Orientierung erfolgt im Betrieb auf der Streckzwirnmaschine innerhalb sehr kurzer Zeit. Man führt dabei den von der Spinnspule ablaufenden Faden über ein Rollenpaar (den Lieferzylinder mit Korkrolle) zu einem zweiten (der Streckgalette mit Umlenkröllchen), das 3- bis 5mal schneller läuft. Zwischen beiden Rollenpaaren findet die Verstreckung statt. Um eine sehr gleichmäßige Verstreckung zu erhalten und damit dem gesamten Faden einheitliche Dehnungs- und Titerwerte mitzugeben, müssen wir zwischen den Rollen den Streckpunkt auf einen sehr engen Bereich festlegen. Das erreichen wir, wenn wir den Faden zwischen den beiden Rollen um ein Bremsorgan, den sogenannten Streckstift, führen. Durch die Reibung am Streckstift entsteht sofort eine geringe Wärmemenge, so daß sich hier der Flaschenhals ausbildet und der laufende Faden nur an diesem einen festgelegten Punkt verstreckt wird.
 
In der Praxis wird der unverstreckte Faden mit ca. 50 m/min, zugeführt und in verstrecktem Zustand mit ca. 200 m/min, abgezogen. Die Verstreckung erfolgt also mit wesentlich geringerer Geschwindigkeit, als der Faden gesponnen wurde. In der gleichen Zeit, in der wir eine Spule verstrecken, liefert uns die Spinnstelle 8-20 neue Spulen.
 
Gleichzeitige Sortierung
 
Man braucht also für eine Spinnstelle sehr viele Streckstellen. Dieser kostspielige Nachteil wird jedoch wieder wettgemacht, wenn wir die Streckzwirnmaschine gleichzeitig als eine Sortiermaschine auffassen, die sehr genau die fehlerhafte Ware anzeigt und darüber hinaus eine Klassifizierung der Ware in einzelne Qualitätssorten ermöglicht. Die Speicherung des verstreckten Garnes erfolgt auf einer dünnen zylindrischen oder schwach konischen Hülse, dem "Cops".
 
Beim Aufspulen noch ein leichter Drall
 
Der Aufspulmechanismus entspricht in seinem Aufbau und seiner Wirkungsweise einer Zwirnmaschine, wie wir sie in jeder Wollspinnerei sehen können. Durch diese Anordnung geben wir dem Faden vor dem Aufspulen auf den Cops noch einen leichten Drall. Dieser hält jetzt die einzelnen Kapillaren zusammen, denn der durch die Präparation gegebene Fadenschluß ist nach dem Verstrecken nicht mehr in vollem Maße vorhanden. Die Copsware kann nun im eigenen Betrieb einer weiteren textilen Aufarbeitung unterworfen werden; sie kann aber auch, sofern sie infolge andersgearteter Herstellung nur einen sehr geringen Lactamgehalt aufweist, in dieser Form verkauft werden.
 
Weitere Arbeitsgänge
 
Zur textilen Aufarbeitung gehören die folgenden Verfahrensschritte:
 
     1. das Nachzwirnen
 
     2. die Druckwäsche mit Avivierung und Trocknung
 
     3. die Aufmachung auf konische Kreuzspulen, das "Conen".
 
Über das Nachzwirnen und das Conen wird in dem Kapitel: "Die Aufgaben unserer Textilbetriebe" noch eingehend berichtet werden.
 
Das Nachzwirnen
 
Beim Nachzwirnen gibt man dem Faden einen wesentlich höheren Drall, als es beim Streckzwirnen möglich war.
 
Auf Grund der relativ hohen Abzugsgeschwindigkeiten beim Streckprozeß ist die Zahl der Drehungen aus technischen Gründen auf 35-50 Drehungen pro Meter begrenzt. Für die Verarbeitung in der Weberei und Wirkerei werden jedoch höhere Drehungen, oft bis zu 1200 Drehungen pro Meter, gewünscht, die wir dem Faden in einem weiteren Arbeitsgang auf der Nachzwirnmaschine mitgeben.
 
Bei diesem Arbeitsprozeß wird der hochgezwirnte Faden auf einer durchlöcherten Spule, der Zwirnwalze, aufgespult, denn, ähnlich dem Viskose-Faden, muß auch unser Perlon-Faden einer Druckwäsche unterworfen werden. Bei Nylon- oder Diolen-Fäden ist diese Druckwäsche nicht nötig, wohl aber bei Perlon, um das Monomere zu entfernen.
 
Die Lactam-Reste werden herausgelöst
 
Vom Spinnprozeß her wissen wir, daß der Perlon-Faden trotz aller Bemühungen noch einige Prozente seines Monomeren, des Caprolactams, enthält. Wir waren über die Rückbildung des Lactams nicht erfreut, aber eigentlich sollten wir dafür dankbar sein. Das Monomere war nämlich für den unverstreckten, normalerweise etwas spröden Faden ein Weichmacher, der unser empfindliches Fädchen so elastisch machte, daß es den Beanspruchungen während des Streck- und späteren Zwirnprozesses besser gewachsen war. Diese Aufgabe ist nun erfüllt. Das Monomere muß jetzt jedoch entfernt werden, denn es hat die unangenehme Eigenart, bei Lagerung in Form feiner Kristalle aus dem Faden herauszutreten, den Faden rauh zu machen und dadurch dem Kunden beim Verarbeiten Schwierigkeiten zu bereiten.
 
In der Druckwäsche wird das Lactam durch heißes Wasser aus dem Faden herausgelöst. Durch diese Behandlung erreichen wir noch einen weiteren Effekt: "das Schrumpffestmachen" oder Fixieren.
 
Unter Einfluß von Wärme ...
 
Der Perlon-Faden hat, wie bereits berichtet, nach dem Verstrecken keine Neigung mehr, sich wieder zu verkürzen. Das gilt aber nur so lange, als man ihn nicht mit heißem Wasser in Berührung bringt. Dann würde er wie ein einfaches Baumwollgewebe einlaufen, oder anders gesagt: "schrumpfen". Die Wassermoleküle würden in den Faden eindringen und zwischen die Fadenmoleküle wandern. Wir lasen bereits, daß die amorphen Bereiche, die die Kristallite miteinander verbinden, aus einzelnen langen, oft nur leicht geschlungenen Molekülen bestehen. Sie haben die Neigung - wie eine ausgestreckte Uhrfeder oder eine Federspirale - sich wieder zusammenzulegen, zu knäueln. Die amorphen Makromoleküle möchten nämlich auch in den erstrebten kristallinen Zustand übergehen. Da ihnen die Orientierung fehlt, konnten sie zwar nicht mit anderen Molekülen zu einem Kristallgitter zusammengebaut werden, aber sie können mit sich selbst ein weniger geordnetes Kristallgitter bilden, wenn sie sich sehr eng zu einer Spirale zusammenringeln. Diese Gelegenheit wird ihnen unter dem Einfluß von Wärme - ganz besonders jedoch wie hier, bei feuchter Wärme -gegeben, wodurch sich der gesamte Faden wieder verkürzt, also schrumpft.
 
... und durch festes Aufspulen auf der Zwirnwalze ...
 
Wenn wir ein wasch- oder wärmefestes Garn haben wollen, so müssen wir es vorher einer Wärmebehandlung unterwerfen, um es schrumpffest zu machen. Man wünscht jedoch nicht immer, daß sich der Faden dabei verkürzt, weil auch die Dehnungswerte ansteigen und die Festigkeitswerte sinken würden.
 
Durch sehr festes Aufspulen des Fadens auf der Zwirnwalze nimmt man ihm die Möglichkeit, sich bei der Wärmebehandlung in der Druckwäsche in nennenswertem Maße zu verkürzen. Die Fadenmoleküle bleiben also unter Spannung, während sie erhitzt werden.
 
... wird der Faden "fixiert"
 
Etwas Ähnliches erleben wir, wenn wir eine ausgestreckte Uhrfeder zum Glühen bringen. Nach dem Erkalten zeigt sie keine Neigung mehr, sich zusammenzuringeln. In beiden Fällen ermöglichen wir den Molekülen durch das Erhitzen, ihre Lage ein wenig zu verändern und dadurch vorhandene Spannungen auszugleichen. Die Beseitigung dieser Schrumpfneigung nennt man das "Fixieren".
 
Wie alle Vergleiche hinkt auch unserer mit der Uhrfeder. Eine Uhrfeder ist nach dem Ausglühen völlig tot, unsere Perlon-Moleküle dagegen sind bis zu der Temperatur, mit der wir sie behandelt hatten, nur scheintot. Würden wir sie nämlich später auf eine noch höhere Temperatur erhitzen, so werden sie wieder quicklebendig und beginnen von neuem zu schrumpfen. Dies ist ein wichtiger Unterschied, denn Perlon ist eben doch etwas anderes als Stahl, wenn es auch im Faden die Festigkeitswerte von Gußstahl aufweisen mag.
 
Grenzen der Fixierung
 
Die Fixierung ist also nur so lange beständig, bis die Temperatur erreicht ist, bei der sie durchgeführt wurde. Der Verarbeiter hat also immer noch die Möglichkeit, durch eine erneute Fixierung bei höherer Temperatur gewollte Schrumpfeffekte im Fertigfabrikat zu erzielen und damit seine Gebilde "formfest" zu gestalten.
 
Wir sehen, daß es zwei Arten von Fixierungen gibt:
 
     1. die spannungslose Fixierung mit Schrumpfung (Erhöhung des Titers,
         der Dehnung und Reduzierung der Festigkeit);
 
     2. die Fixierung auf fester Unterlage unter Spannung ohne Schrumpfung
         (Titer, Dehnungs- und Festigkeitswerte bleiben in ihrer Größenordnung
         erhalten).
 
In der Regel wird es sich darum handeln, die Perlon-Fäden so zu fixieren, daß sie sich später in kochendem Wasser nicht mehr verändern : Sie sollen keinen oder nurmehr einen geringen "Kochschrumpf" aufweisen.
 
Die Aufmachung
 
Wie der Reyon-Faden wird auch der Perlon-Faden nach der Druckwäsche aviviert und dann getrocknet.
 
Die endgültige Aufmachung erfolgt auch hierauf eine konische Kreuzspule, den "Cone", der jedoch anders geformt ist als beim Reyon. Er wird "Pineapple"-Cone genannt.
 


Quelle: LI, XXX, IX