History informations - J. P. Bemberg (51)

The last Cupro silk

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1974
 
Letzter Cupro-Teilbaum
 
(Erster Teil)
 
In Heft 12 von „informiert“ [1973] sahen wir ein Bild des Aufwickelteils einer Cuprophan-Lackier-Maschine, das uns aus sich heraus ansprach mit „Die letzte Rolle der Lackier-Maschine 3“. Heute sehen wir ein Bild nicht nur mit ebenso vertrauten Gesichtern wie Maschinenteilen, aus dem uns ein Schild „Letzter Cupro-Teilbaum“ entgegensieht.
 
Schilder sind schnell gemalt, Fotografien davon sind schnell erstellt, jedoch dem Betrachter geben sie je nach Verbundenheit mit dem Unternehmen und dem Grade seiner Gefühlserregbarkeit Anlaß zum Nachdenken. Die Bildersprache ist in unserer Zeit sehr ausgeprägt und für viele unserer Mitmenschen von größerer Wirkung als das gesprochene Wort oder der gelesene Text. Was sich hinter dem „letzten Teilkettbaum“ verbirgt, das ist mehr, als man mit einem Satz sagen kann. Würden wir darüber schweigen, dann hätten wir die Bedeutung des mit diesem letzten Teilkettbaum zu Ende gehenden Werkes von Generationen mißachtet oder verkannt und ließen außerdem den Spekulationen unserer Mitarbeiter bezüglich der Bedeutung dieser Tatsache für die Zukunft freien Lauf.
 
Die fotografische Aufnahme (o1, o2) steht selbstredend für die am 21. Dezember 1973 in unserem Werk beendete Cupro-Produktion, eine Produktion, die unter dem Namen „Bemberg“ zu den Pioniertaten der Chemiefaserindustrie nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt zählt; ein Produkt, das diesem Werk Weltgeltung verschaffte. Das Produkt Bemberg-Seide, von dem wir heute in der Vergangenheitsform sprechen müssen, diente seit einigen Generationen vornehmlich den Frauen zu einem gesteigerten Lebensgefühl, den hier beschäftigten Menschen zu ihrer beruflichen Erfüllung, dem Unternehmen zu einem weltweiten Bekanntheitsgrad. So schuf dieses Produkt die Voraussetzungen für die Entwicklung neuer Produktionszweige und für die Aufnahme in das wesentlich größere und vielseitigere Unternehmen der ENKA GLANZSTOFF AG im Rahmen der AKZO-Gruppe. Es ist sowohl interessant als auch nützlich und lehrreich, zum Zeitpunkt der Beendigung eines solchen Produktionszweiges Rückschau zu halten über seinen Ursprung, seine Entwicklung und seine Bedeutung für die Zeit danach. Wenn wir unsere Betrachtung über den Ursprung der Cupro-Seidenproduktion ausdehnen auf denjenigen der Firma Bemberg, so stellen wir fest, daß die Garnproduktion zwar den geringsten wenn auch respektablen Zeitraum von 73 Jahren, dafür aber die größte Bedeutung dieser Firma einnahm.
 
(o1, o2):
Der ehemalige Generaldirektor der J. P. Bemberg Aktiengesellschaft (1950 bis 1960) und Hauptinitiator unserer Continue-Spinnerei Herr Dipl.-lng. Julius C. Funke mit unserem Werksleiter Herrn Dr. Bandel, dem Produktionsleiter Herrn Dr. Henne, dem Obermeister Herrn Dünweg und Herrn Kubitza beim Herausnehmen des letzten Cupro-Teilbaumes.

(o3):
Abriß der Continue-Spinnerei-Anlagen.
 
Wir möchten uns daher heute mit dem Ursprung des Unternehmens befassen und dabei aber nicht zu sehr in die Einzelheiten gehen.
 
Der Gründer der Firma, Johann Peter Bemberg, kannte keine Kupferseide, denn er gründete sie bereits im Jahre 1792 in Elberfeld und betrieb, der Tradition seiner Familie gemäß, den Handel mit Wein. Der Sache der späteren Beschäftigung kam er mit der Aufnahme des Handels mit Farbstoffen, Baumwolle und Wolle schon ein Stück näher. Selbstverständlich waren es damals noch die Naturfarbstoffe wie Indigo, Krapprot und Saflor, die von den im Tal der Wupper ansässigen Garnfärbern dringend gebraucht wurden. Daß sich in dieser Gegend die Zunft der Färber in besonderem Maße entwickelte, verdankte sie dem weichen Wasser der Wupper, die darüber hinaus in jenen Zeiten mit Sicherheit von industriellen Abwässern so gut wie nicht belastet war. Die Qualität des verfügbaren Wassers bestimmte in wesentlich stärkerem Maße als heute den Standort von Textilfärbereien, da moderne Wasserenthärtungsverfahren von heute unbekannt waren.
 
Der Handel mit Wein führte den Gründer der Firma oft ins Land des Bordeaux und hier in Frankreich interessierte er sich offenbar nicht nur für den Geschmack de roten Weins, sondern auch für die Rotfärbung von Textilien. Dort war um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein früher nur im Orient bekanntes Färbeverfahren, basierend auf einem Extrakt aus der Wurzel der Krappflanze, entwickelt worden, das besonders lichtechte Rotfärbungen gestattete. Dieses umständliche und kostspielige Türkischrot-Färbeverfahren war nur einem kapitalkräftigen Unternehmen zuzumuten. J. P. Bemberg übernahm selbst die Ausführung der Färberei mit Türkischrotöl in drei eigenen Färbereien in Elberfeld und wandelte so die Handelsfirma in eine Fabrikationsstätte um. Die hier gefärbten Baumwollgarne waren anerkannt und beliebt und fanden Abnehmer in aller Welt, vornehmlich in Rußland, dem Balkan und dem Orient. Das Unternehmen wuchs, gewann an Bedeutung und wurde von den Nachfolgern des Gründers immer stärker in Richtung eines reinen Fabrikationsbetriebes zu Lasten des Handelsgeschäftes verlagert.
 
Im Jahre 1865 erfolgte unter dem Enkel des Gründers eine sinnvolle Rationalisierungsinvestition: die Betriebe wurden zusammengefaßt und nach Barmen verlegt. Dort „in der Oehde“, wo auf einem Wiesengelände die Bleicher seit einigen Jahrhunderten ihre Garne ausbreiteten und mit dem Wasser der Wupper besprengten, entstand eine moderne Färberei, die mit zwei Dampfmaschinen betrieben wurde. Das Gebäude, in dem diese betrieben und das Verfahren der Türkischrotfärberei verfeinert wurde, ist auf dem Bild als das heute noch bestehende TTA und FTA - (textiltechnologische und filmtechnologische Abteilung) Gebäude zu erkennen. Für die damalige Zeit erstaunlicher als für die heutige begann um 1880 für das Unternehmen nach relativ kurzer Zeit des Neubeginns die erste Krise.
 
Einerseits durch die Erfindung der Teerfarbstoffe - synthetische Farbstoffe - durch den Elberfelder Friedrich Bayer, andererseits durch Exporterschwernisse infolge der Schutzzollpolitik der westlichen Länder geriet das Unternehmen in arge Bedrängnis und man mußte sich anderen Gebieten zuwenden. Der Ankauf einer Stückfärberei in Barmen, eines Werkes der Textilveredlung in Krefeld und schließlich einer Buntweberei in Augsburg war eine Kombination zur Verhütung des Niedergangs, die schließlich in der Bildung einer Aktiengesellschaft im Jahre 1890 ihre Geschäftsform fand. Zur Weiterentwicklung ihrer Aktivitäten auf dem Textilveredlungsgebiet erwarb die junge AG zwei wichtige Patente. Als erstes, etwa 100 Jahre nachdem der Gründer eine attraktive Erfindung aus Frankreich mitgebracht hatte, wurde diesmal ein Patent von Mercer aus England zum Glänzendmachen von Baumwolle unter Anwendung von starker Natronlauge bei gleichzeitigem Verzug übernommen. Diese mercerisierte Baumwolle war am Ende des vergangenen Jahrhunderts ein sehr begehrter Modeartikel der Frauen. Es ist das Verdienst des Unternehmens, mit der Einführung der Mercerisierung von Baumwolle so etwas wie eine Ouvertüre für die Kunstseide angestimmt zu haben.
 
Ein zweites, diesmal aus Deutschland übernommenes Patent wurde für das Unternehmen noch wichtiger. Nach diesem Verfahren wird Baumwolle durch einen Kalander geführt, dessen Walzen sehr fein gerillt sind (bis zu 20 Rillen pro Millimeter). Es gibt der Ware einen noch ähnlicheren Seidenglanz als das Mercerisieren. Es wurde nach dem damaligen Generaldirektor des Unternehmens Schreiner sehr bald unter der Benennung „schreinerisieren“ bekannt und gab den Anstoß zu einem neuen Aufschwung der Firma.
 
Doch um diese Zeit wurden Entwicklungen zur Herstellung von sogenannten Kunstseiden, die selbstverständlich der Seide in ihrem Aussehen noch näher kommen sollten, bekannt, die dem Verfahren des Schreinerisierens gefährlich werden konnten. Diese Neuentwicklung umfaßte das Nitro-, das Viskose- und das Kupferoxydammoniakverfahren. Das letzte wurde bereits von den Vereinigten Glanzstoff-Fabriken in Oberbruch zur Herstellung von Kohlefäden für die Glühlampenherstellung benutzt. In Erwartung dessen, daß dieses Verfahren wohl den seidenähnlichsten Faden liefern werde, befaßte man sich in Barmen mit ihm zur neuartigen Herstellung der Lösung von Baumwolle in Ammoniak und Kupferoxyd sowie mit neuen Wegen für den Ausspinnprozeß solcher Fäden. Auf dem Wege dieser Entwicklungen glückte dein Chemiker Dr. Edmund Thiele im Jahre 1901 die Erteilung eines Patents zur Herstellung von Kupferkunstseide, dem als wesentliche Neuerung das Ausspritzen der Lösung in langsam koagulierendes Wasser und das Verstrecken dieses Lösungsfadens durch fließendes Wasser zugrunde lag. Die Lösungsfäden wurden danach nicht mehr in ein stehendes Bad, sondern in einen von warmem Wasser senkrecht nach unten durchflossenen schlanken Trichter gedrückt, an dessen unterem Ende, zusammen mit dem ausfließenden Wasser der ausgestreckte Faden austrat.
 
Dieses Prinzip ist im Thieleschen Bemberg-Verfahren bis zum Ende erhalten geblieben. Es stellt mit Fug und Recht ein Spinn-Streckverfahren in einem Arbeitsgang dar. Der austretende Lösungsfaden wurde längs des Trichters mit seinem unteren Ende, dem sogenannten Fallrohr, auf ein Hundertstel seiner Ausgangsdicke verstreckt. Auf diese Weise wurde eine enorme Feinheit der Einzelfaser und eine damals die anderen Kunstseiden in der Festigkeit überragende Qualität geschaffen. Das war der Ursprung des Kupferkunstseidenverfahrens und wir wollen den Ursprung der Firma bis auf dieses Jahr 1901 ausdehnen, in dem die Grundlage für den das Unternehmen prägenden Kupferkunstseidenprozesses gelegt wurde. Im folgenden Heft wollen wir uns mit der technologischen Entwicklung des Prozesses und der des Unternehmens befassen.


(Teil 2)
 
Die Entwicklung des Kupferseidenspinnens.
 
Einen großen Zeitraum der Firmenzeitgeschichte hatten wir im letzten Heft „informiert“ unter der Überschrift „Ursprung der Firma und des mit ihr verbundenen Kupferseidenverfahrens“ behandelt. Heute möchten wir die Entwicklung desjenigen Teils der langen Vergangenheit beleuchten, die sich an die grundlegende Idee des Streckspinnens anschloß. Von dieser Idee aus dem Jahre 1901 bis zur Aufnahme einer laufenden Produktion war es ein langer, mühsamer und kostspieliger Weg. Während Dr. Thiele seit 1904 im Einvernehmen mit Bemberg in Brüssel und später in England an der Weiterentwicklung seines Verfahrens arbeitete, wurde in Barmen unter Dr. E. Elsaesser mit großer Zähigkeit und Zielstrebigkeit sowohl an der Ausarbeitung eines besseren Löseverfahrens für die Cellulose wie an der Fertigstellung einer brauchbaren Spinnmaschine gearbeitet. Es ist an dieser Stelle interessant, sich die erste Verwirklichung des Streckspinnverfahrens bildlich anzuschauen. Man beabsichtigte ja, den aus Kapillaren austretenden Lösungsfaden nicht in ein stark fällendes, sondern ein langsam koagulierendes Mittel wie zum Beispiel gewöhnliches Wasser einlaufen zu lassen. Da dieser koagulierende Faden aber sehr empfindlich ist, konnte man ihn nicht einfach durch mechanische Mittel wie Abzugsrollen oder dergleichen verstrecken. Deshalb versuchte man, ihn durch fließendes Wasser aus einem trichterförmigen Gebilde heraus zu verstrecken, wobei man ein langes Trichterauslaufrohr (o5) wieder umbog und nach oben in einen Behälter führte. Hier war der Faden bereits soweit verfestigt, daß er auf eine Rolle oder Spule aufgewickelt werden konnte, während man die Fällflüssigkeit mittels einer Pumpe wieder in den Trichteroberteil zurückführte. Die obige Zeichnung stellt das Prinzip dar. Bald darauf ersetzte man die Kapillare noch durch eine Spinnplatte aus Kupfer mit feinen Bohrungen.
 
Nach diesem Prinzip wurden die ersten Spinnmaschinen 1907 für eine kleine Verkaufsproduktion gebaut, die erstmals im Werk Barmen mit acht Exemplaren aufgestellt wurden, (siehe Bild 2, Spinnmaschine 1907 in der Oehde) (o6).
 
Nun mußte der Weg in den Markt geebnet
werden. Da es sich um seidenähnliche und feine Garne handelte, die hier erstellt wurden, hätte man annehmen können, daß sich die Naturseidenwebereien dieser Sache annahmen. Diese betrachteten jedoch den neuen textilen Rohstoff als Konkurrenz und gaben keine Starthilfe. Wichtig war zu diesem Zeitpunkt, daß die Firma in Augsburg eine eigene Weberei besaß, die sich nun der Verarbeitung der neuen „Bemberg“-Seide annahm. Auch hier war die Entwicklung neuer Verarbeitungstechniken von Nöten, um mit dem feinen Seidengarn fertig zu werden und darüber hinaus den konsequenten Weg in modische Oberstoffe zu beschreiten. Es ist das große Verdienst des Werkes Augsburg, die gesamte Webtechnik für diesen neuen, im Titer sehr feinen - 45 den - textilen Rohstoff erarbeitet zu haben, so daß diese Erfahrungen später nach Ausweitung der Produktion auch anderen Webereien vermittelt werden konnte. Daneben war fast noch wichtiger, die Anwendungsmöglichkeiten der neuen Kunstseide durch Entwicklung von ansprechenden und qualitativ guten Gewebekonstruktionen zu entwickeln, die in Form von modischen Mustern dem Markt präsentiert wurden. Die Firma betrieb auf diese Weise schon sehr früh eine Anwendungstechnik für ihr Produkt, wie es heute in der Chemiefaserindustrie besonders für neue Produkte eine Selbstverständlichkeit ist.
 
In enger Zusammenarbeit zwischen dem Verarbeitungsbetrieb in Augsburg und dem Herstellungsbetrieb in Barmen wurden abgesehen von Fortschritten in der Lösungsherstellung laufend Änderungen an den Spinnmaschinen angebracht, um Mängel am hergestellten Produkt zu beseitigen bzw. zu bekämpfen. So erhielten die in der Oehde aufgestellten Spinnmaschinen bereits einen Spinntrichter, der im oberen Spinnteil frische Fällflüssigkeit, im unteren Spinnteil gebrauchte Fällflüssigkeit enthielt, mit dem die Koagulation des Fadens besser gesteuert werden konnte. Erhebliche Nachteile brachte auch die ursprüngliche Aufwickelform der Spulen, die zur Entkupferung stets mit Säure berieselt wurden. Die zunächst separat angetriebenen Spulen gewährleisteten keinen gleichmäßigen Abzug über die Spulenreise hinweg, was selbstverständlich zu Titerunterschieden führte. Beim nächsten Schritt der auf einer Unterrolle laufenden Spulen war zwar der gleichmäßige Abzug gewährleistet, jedoch konnten Beschädigungen des nassen, sauren Fadens, der in diesem Zustand noch empfindlich ist, nicht vermieden werden. Schließlich gelangte man über die erwähnten Aufspulvorrichtungen hinaus zu dem Haspel als Aufnahmeorgan des sauren Fadens. Auf einen Haspel von einem Meter Länge ließ man die Fäden von acht nebeneinander hängenden Spinntrichtern auflaufen und erreichte so die Aufmachung in Strangform, nachdem die Fadenumgänge vom Haspel abgenommen worden waren. Viele unserer heutigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ist die Strangaufmachung noch in lebendiger Erinnerung, denn diese Aufmachung sollte ein relativ langes Leben, eben ein Menschenalter, erfahren, war sie doch schon auf Spinnmaschinen aus dem Jahre 1910 ersichtlich und wurde erst im Jahre 1961 außer Betrieb genommen. Auch andere technologische Verfahrensverbesserungen wie das Herausheben des Trichterendes aus der darunter befindlichen Wanne zur besseren Abtrennung der dem Faden anhaftenden Flüssigkeitsmenge sowie das Kennenlernen des Temperatureinflusses der Fällflüssigkeit auf die Eigenschaften des Fadens, vornehmlich des sogenannten Fadenschlusses. - Zusammenhalt der vielen Einzelfasern im Faden - fallen in den Zeitraum bis zum ersten Weltkrieg.
 
Dann kam es naturgemäß zu einem gewissen Stillstand in der Vergrößerung der Spinnkapazität wie in der Fortentwicklung. Der Zwang zum Einsatz eines damals minderwertigen Zellstoffes brachte Qualitätseinbußen, statt modischer Kleiderstoffe wurden Kartuschebeutel und ähnliche vom Heer benötigte textile Gebilde aus den „Seidenfäden“ hergestellt, so daß erst nach dem Kriege die eigentliche Entwicklung, Vergrößerung des Betriebes in Barmen-Rittershausen auf 3000 kg/Tag, Steigerung in der Oehde auf 500 kg/Tag, weitergehen konnte.
 
In diese Zeit fällt ein Versuch, der zwar für das Werk Wuppertal-Barmen von geringer Bedeutung, für die Chemiefaserindustrie allgemein sowie für die Vereinigten Glanzstoff-Fabriken jedoch sehr wichtig wurde. Im Werk Augsburg hatte man, wegen der Knappheit an Baumwolle und Wolle, im Jahre 1916 versucht, aus zerschnittener Kupferkunstseide durch Zerreißen auf einer Wollkrempel ein mechanisch verspinnbares Fasermaterial herzustellen. Die von Augsburg aufgrund gelungener Versuche gegebene Anregung zur großtechnischen Produktion einer solchen Stapelfaser, für die natürlich nicht nur die Kupferseide geeignet war, wurde noch während des ersten Weltkrieges bei Glanzstoff nach dem Viskoseverfahren begonnen; während im Barmer Werk nur großtechnische Versuche die prinzipielle Brauchbarkeit des Cuoxamverfahrens für diesen Zweig der Chemiefaserindustrie unter Beweis stellten. Die Farbenfabriken Bayer haben später auf wirtschaftlicheren Maschinen eine Produktion von „Kupferzellwolle“ unter dem Markennamen „Cuprama“ aufgenommen.
 
Kommen wir zurück auf die Entwicklung in Barmen, von wo zu berichten ist, daß der steigende Bedarf an Kunstseide in der Weberei für seidige Oberbekleidungsstoffe vom vorhandenen Maschinenpark nicht mehr zu decken war, so daß man im Jahre 1922 begann, das Werk Oehde zu vergrößern. Bei der Aufstellung neuer Spinnmaschinen wurden selbstverständlich alle Erfahrungen der Vergangenheit berücksichtigt. Präziser arbeitende Spinnmaschinen mit 96 Spinnstellen je Einheit führten von hier ab das Werk von einem mehr handwerklich betriebenen in eine industrielle Anlage über, die das Modell für spätere Auslandswerke wurde. Durch Vervollkommnung der Apparatur und der Arbeitsverfahren unter Leitung der Herren Victor Elsaesser und Max Korff verbesserte sich auch die Güte und Gleichmäßigkeit des Produkts so, daß das Eindringen in neue Anwendungsgebiete, die der Kunstseide bislang verschlossen waren, möglich wurde. Man konzentrierte sich jetzt auch ganz auf die Seidenproduktion. Die Stückfärberei in Barmen-Rittershausen war schon 1912 zugunsten der Aufstellung neuer Spinnmaschinen aufgegeben worden, etwa 1926 wurde die eigene Bemberg-Maschinenfabrik an die Barmer Maschinenfabrik (heute Barmag) abgegeben und im Jahre 1931 wurde auch die Färberei in Krefeld veräußert. Nur die Weberei in Augsburg, die ja mit dem Kunstseidenbetrieb eng zusammenhing, wurde beibehalten. Die wachsenden Erfolge des Werkes auf dem Webereisektor bewirkten zweierlei: Erstens begannen sich andere Zweige der Textilindustrie für die Kunstseide zu interessieren wie die Strumpfindustrie, zweitens mußte die Ausweitung der Produktionsstätten auf irgendeine Weise für den weltweit zu erwartenden Bedarf angepaßt werden.
 
Feine Damenstrümpfe wurden zu jener Zeit nur aus Naturseide hergestellt und waren demgemäß wegen ihres Preises auch nur einer einkommensstarken Schicht der Bevölkerung vorbehalten. Man hätte damals in einem abgewandelten Bibelwort, das hier erlaubt sein möge, sagen können: „an ihren Strümpfen sollt ihr sie erkennen“. In Deutschland war die Strumpfindustrie in Sachsen zu Hause, und diese Industrie begann mit der Verarbeitung von Bembergseide, weil sie der Naturseide so zum Verwechseln ähnlich glänzte, also einen matten Seidenschimmer besaß, außerdem von den Herstellern im Einzelfasertiter der Naturseide angepaßt war - 1,3 den, das bedeutet: Eine Faser von 9000 Meter Länge wiegt 1,3 Gramm - und weil sie gewaschen werden konnte, ohne dabei zu großen Schaden zu erleiden. Das war in den zwanziger Jahren noch ein wichtiges Faktum. Unter solchen Voraussetzungen ist es verständlich, daß der Aufschwung rasch und umfassend erfolgte, daß hier ein Gebiet erobert wurde, welches einen Massenumsatz versprach, und daß die erste Kunstseide, die auf diesem Gebiet Fuß faßte und zur weltweiten Ausdehnung des „Seidenstrumpfes“ führte, den Namen Bemberg bald auch in weiten Bevölkerungskreisen bekannt machte. Es war vom markttechnischen Standpunkt aus geschickt, den Namen des Herstellerwerkes auch dem hergestellten Produkt zu verleihen, womit dieses Werk bei der weltweiten Anwendung der aus seinem Produkt, hergestellten Strümpfe auch weltweit bekannt wurde. Ein in der Strumpfindustrie und in den Abnehmerkreisen bekanntes und wirksames Werbeplakat sei an dieser Stelle in Erinnerung gebracht. Bild 3: nächste Seite (Abb --). An dieser Stelle sollte ebenfalls noch erwähnt werden, daß die Vereinigten Glanzstoff-Fabriken in den zwanziger Jahren zum bedeutendsten Kunstseidenhersteller Deutschlands herangewachsen waren. Sie hatten sich ganz auf das Viskose-Verfahren konzentriert und hier große Erfolge erzielt. Mit diesem Unternehmen hatte Bemberg schon seit 1916 vertraglich festgelegte Beziehungen begonnen, die im Jahre 1924 erweitert wurden.
 
Die zweite Konsequenz aus den wachsenden Erfolgen war die internationale Ausweitung. Man könnte sie fast mit Entwicklungshilfe bezeichnen, wenn es sich bei den Ländern nicht um solche gehandelt hätte, die allgemein industriell ebenso weit und teilweise sogar weiter entwickelt waren wie das damalige Deutschland. Ab 1925 ging man daran, Fabrikationsstätten für die Kupferseide in Frankreich, Italien und den USA, einige Jahre später dann noch zwei weitere in England und Japan - 1930 - zu gründen. Bemberg brachte die Verfahrenspatente und das know how in diese Unternehmen ein und beteiligte sich finanziell nur gering an weitgehend selbständig arbeitenden Firmen. In diese Zeit fällt auch der Beginn einer Kupferkunstseidenproduktion bei der damaligen I.G.-Farbenindustrie im Werk Dormagen.
 
In die Mitte der zwanziger Jahre fällt eine Entwicklung, die für das Unternehmen bis heute eine große Rolle spielte, die wir aber in diesem Teil des Rückblicks nur kurz erwähnen wollen. In der damals neu entstandenen Versuchsabteilung wurden die Grundlagen zur Herstellung einer Zellglasfolie nach dem Cuoxamverfahren entwickelt, das dann auch bald in den Betrieb übernommen wurde. Die wahre Bedeutung dieses Schrittes werden wir erst später in ihrer vollen Tragweite ermessen können.
 
Die günstige steile Aufwärtsentwicklung wurde 1928-1929 stark gebremst als die Konkurrenz der anderen Kunstseiden enorm stark wurde, gewisse Nachteile aus der Anfangszeit aufgeholt, gewisse Vorteile durch kostengünstigere Produktionsweisen bestimmend wurden. Hierdurch geriet das Unternehmen in eine ernste Krise. Da keine greifbaren Neuentwicklungen außer der noch zu unbedeutenden Zellglasproduktion vorhanden waren, mußte der Weg in eine radikale Kostensenkung beschriften werden, wozu sich als erste Maßnahme die Verdoppelung der Spinntrichter auf den vorhandenen Spinnmaschinen anbot. Maßnahmen solcher Art kennen wir auch aus der Neuzeit. Eine weitere Maßnahme war die Erhöhung der Abzugsgeschwindigkeit, eine Umstellung von teurem Talsperrenwasser auf Wupperwasser, was bei der wasserintensiven Kunstseidenherstellung eine deutliche Kostenerleichterung brachte. Diese und andere Maßnahmen haben die Firma (unter der techn. Leitung von Herrn Dr. Maikomes und der kaufmännischen unter Herrn K. Frowein) über schwierige Jahre hinweggebracht, bis schließlich die Krise im Jahre 1937 als überwunden galt. Daß sich schon bald später im Vorlauf des sich anbahnenden zweiten Weltkrieges Erschwerungen in der Beschaffung ausländischer Rohmaterialien, Verknappung inländischer Rohstoffe und Maschinenteile einstellten, die eine gedeihliche Konsolidierung der wiedergewonnenen Sicherheit behinderten, hat das Werk selbst nicht zu verantworten. Andererseits waren jetzt gegebene Forderungen nach Kapazitätssteigerung bei möglichst geringem Materialverbrauch für heue Apparaturen, nach weitestgehender Rückgewinnung der Chemikalien, nach höherer Leistung mit weniger Personal anregend für die Findung neuer Verfahrenswege.
 
Diese Forderungen führten vielleicht zu einer Beschleunigung der Entwicklung des kontinuierlichen Spinnverfahrens, worunter hier im Hause der Übergang vom Lösungszustand bis zur verkaufsfähigen Aufmachung in einem Arbeitsgang verstanden wurde. Dies leitete eine neue Ära in der Firmengeschichte ein, mit der wir in die Neuzeit der Chemiefaserindustrie und auch speziell unseres Werkes eintreten. Hierüber werden wir in den nächsten Werksmitteilungen berichten.


(Teil 3)
 
Die besonderen Verhältnisse während des zweiten Weltkrieges haben in der Tat in diesem Betrieb die Fortentwicklung des bisherigen Herstellungsprozesses der Kupferseide beschleunigt, bzw. in neue Wege gelenkt. Das bis dahin geübte Haspelspinnverfahren, bei dem die sauren, vom Kupfersalz noch grünen Stränge nebeneinander aufgehaspelt, nach Erreichung des notwendigen, besser gesagt zulässigen Stranggewichts vom Haspel abgenommen, auf Stöcke gehängt und mit Bändern, früher einzeln an mindestens drei Stellen im Strang, später an zwei Stellen im Verband abgebunden, dann auf neue Garnträger gehängt wurden, um sie in der Wäscherei nacheinander den Waschwässern und dem Präparationsbad vorzulegen. Am Ende dieser Prozedur wurden die Stränge wieder auf Stöcke gehängt, die den Trockenschrank im Schneckentempo passierten. Ein Teil der Strangware konnte nach Sortierung verpackt werden, ein großer Teil aber wurde im Textilbetrieb auf Windemaschine abgewunden, von der Windespule abgezwirnt und schließlich im letzten Arbeitsgang gekont. Das Garnmaterial wurde also auf seinem Weg zur verkaufsfähigen Spule mindestens siebenmal angefaßt: Spinnen, Filzen, Waschen, Trocknen, Aushängen, Winden, Konen. In vielen Fällen war noch ein Schleudern der Stränge, zweimaliges Präparieren und Trocknen sowie ein Drehen zusätzlich zu verrichten.
 
Es leuchtet ein, daß ein solches Verfahren einerseits sehr lohnintensiv, andererseits schädigend für die sehr feinen Fasern von nur 10 µm Dicke im Faden waren, so daß die Garnreinheit vom heutigen Stand als völlig unzureichend zu betrachten ist. Die diskontinuierliche Arbeitsweise beeinflußte selbstverständlich auch die Anfärbegleichmäßigkeit der Garne in negativer Richtung, womit jedoch nicht gesagt sein soll, daß die damalige Produktion fehlerhaft oder marktuntüchtig gewesen sei. Die Marktansprüche waren in vieler Hinsicht geringer als heute und wurden deshalb von dem Garn genügend sicher erfüllt.
 
An der Beseitigung dieser Verfahrensmängel hatte man schon gearbeitet in Richtung der Entwicklung eines teilkontinuierlichen und auch vollkontinuierlichen Prozesses, das von der Grundanordnung zweier sich gegenüberstehender Haspelspinnmaschinen ausging, wobei der Faden spiralig über zwei schräg zueinander stehende Walzen lief und dabei in verschiedenen Zonen mit Reaktionsflüssigkeiten behandelt wurde. Eine solche Maschine stand schon in der damaligen Forschungsabteilung in laufender Erprobung, als der Auftrag zum Spinnen eines Baumwollersatzgarnes, das nicht teurer sein sollte als die Baumwolle selbst, zu neuen Wegen zwang.
 
Behilflich war hierbei die im Werk seit 1932 in Betrieb genommene Zellglasgießmaschine, die im Prinzip den Weg vom Lösungszustand bis zur fertigen Rolle in Form einer Folienbahn vorzeichnete. Der Gedanke, die Folienbahn durch eine Fadenschar aus einzelnen Fäden zu ersetzen, ließ sich in einem Versuch an der Gießmaschine verwirklichen, so daß am 17. August 1940 eine kleine Schar von 15 Fäden anstandslos vom Spinntrichter über die Gießmaschine bis zur Aufwickelspule lief. Das war die Geburtsstunde der Cupro-Continue-Maschine, weil dieser Versuch gezeigt hat, daß der Faden stark genug war, über eine große Zahl von Walzen und durch Flüssigkeitsbäder zu laufen.
 
Die nächste Aufgabe bestand darin, eine geeignete Anordnung für eine Großzahl von Spinntrichtern zu finden, die einer solchen Maschine vorgelegt werden mußten. Es ist auch heute noch interessant, die einzelnen Schritte zu verfolgen, die vorgenommen wurden, um dieses Ziel, das von der Wirtschaftlichkeit her gegeben war, zu erreichen. Die erste Konzeption der Anordnung mehrerer Trichterreihen parallel zur Längsachse der Maschine, wie sie heute noch beim Viskose Continuespinnen üblich ist, mußte hier wegen zu vieler Fadenumlenkungen und langer Wege im alkalischen Spinnbereich wieder verlassen werden. Anstelle der langen Trichterreihen in Längsrichtung wurden schließlich mehrere „Felder“ quer zur Laufrichtung so angeordnet, daß jedes Feld insgesamt vier Trichterreihen, die zueinander auf Lücke standen, enthielt, die von einem Zwischengang her bedient wurden. Damit die Wege des alkalischen Fadens für die einzelnen Trichterreihen nicht zu lang und zu unterschiedlich wurden, teilte man acht Felder in eine aufsteigende und eine absteigende Gruppe. In der zweiten Gruppe wurden die alkalischen Fäden entgegen der Laufrichtung der ersten Gruppe geführt, um sich mit diesen in der Mitte zu treffen und nach unten in das Säurebad geführt zu werden. Abbildung 1 (o6) zeigt diese Anordnung in der Seitenansicht, vierte Ausführungsform der damaligen Continue Maschinen. Wohl als fünfte Ausführungsform der Trichteranordnung ist schließlich diejenige entstanden, die vielen von uns noch in guter Erinnerung ist. Sie erlaubte in ebener Anordnung eine leichtere Konstruktion und bessere Bedienbarkeit. Sie ermöglichte ferner die weitgehende Gleichheit aller alkalischen Fadenstrecken, was für die Gleichmäßigkeit der gesponnenen Fäden nicht ohne Bedeutung ist.
 
Wir sollten uns an dieser Stelle die schematische Darstellung der Seitenansicht einer Cupro-Continuemaschine (Bild 2) (o7) vor Augen führen, wie sie im Prinzip bis zuletzt gelaufen ist, ehe wir auf die späteren Verfeinerungen und zusätzlichen Entwicklungen eingehen.
 
Im Spinnteil der Maschine werden die Fäden nach Verlassen der oberen Säurewalze in das langgestreckte Säurebad am Boden der Maschine, dann in den Waschteil, der zur Verkürzung der Maschinenlänge in drei Etagen angeordnet war, geführt, wo im Gegenstrom mit Wasser die Säure ausgewaschen wurde. Der Bedienbarkeit wegen war auch der Auf- und Abgang in den einzelnen Barken verlassen worden und der Faden horizontal hindurchgeführt. Vor der Trocknung passierte 'die Fadenschar ein Weichmacherbad, durchlief die Trockenzone über fünf beziehungsweise sieben innenbeheizte Zylinder und wurde anschließend entweder auf Bäume als Fadenschar oder auf Spulen einzeln aufgewickelt.
 
Unser Betrieb widmete sich zunächst hauptsächlich der Webkette, war es doch das angestrebte Ziel, die Baumwolle zu ersetzen und mit ihr gleichpreisig zu sein. Also wickelte man eine von der Spinnmaschine kommende Fadenschar von ca. 500 Fäden auf einen 160 Zentimeter breiten Baum, Spinnbaum genannt, und benutzte unabhängig von der Spinnmaschine einen sogenannten Umbäumer - eine Assemblieranlage - dem man die notwendige Anzahl von Spinnbäumen vorlegte, um auf die gewünschte Kettfadenzahl zu kommen. Auf diese Weise hatte man mit einem einzigen nachgeschalteten Arbeitsgang webfähige Ketten erzeugt. Es wurde also nicht nur der Spinnvorgang durch die Umwandlung auf den continuierlichen Prozeß, sondern gleichzeitig der textiltechnische Vorgang der Kettherstellung durch Reduzierung von den vorher üblichen Arbeitsgängen Drehen - Schären - Schlichten auf einen einzigen Assembliervorgang vereinfacht und das Ziel erreicht.
 
Diesem entsprach die Wahl des Titers von 270 den, so daß also Baumwollersatzketten kostengerecht hergestellt werden konnten. Selbst aus heutiger Sicht, in einer Zeit wesentlich weiter entwickelter Technologie, darf man den Mut und das Geschick jener Generation in unserem Haus bewundern, die zu einer solch frühen Zeit der Chemiefaserentwicklung derartig rationelle Verfahrensweisen erfand und betrieb. Gleichzeitig versuchte man auch feinere Fäden zu spinnen, was ohne große Mühen gelang, wozu aber in den 40er Jahren keine besondere Nachfrage herrschte. Es erübrigt sich fast, auf die zweite Art der Aufwicklung auf Einzelspulen, die hier zunächst die Form von zylindrischen Wickeln erhielt, einzugehen, denn das ist ein gegenüber der Baumaufwicklung so selbstverständlicher Fall, obwohl er zu seiner einwandfreien Durchführung doch technische Probleme mit sich bringt. Die Spulen dienten zur Herstellung gedrehter Garne oder wurden ungedreht direkt auf Cannetten gespult.
 
Den Pionieren dieser Entwicklung kam eine Besonderheit des Cuprospinnverfahrens zu Gute, die wir hier erwähnen sollten, da er auch für die spätere Entwicklung eine wesentliche Rolle spielt.
 
Die nach dem Cuoxamprozeß hergestellten Endlosfasern sind in ihrem Querschnitt in der Form rund, in der Struktur gleichförmig, die Packungsdichte der Cellulose erfährt über ihren Querschnitt hinweg keine Unterschiede im Gegensatz zur Viskose-Faser, die normalerweise einen dichteren Mantel und einen lockeren Kern besitzt. Das hat bei den Cupro-Fasern zur Folge, daß sie bei der Trocknung die Tendenz zum gegenseitigen Verkleben besitzen. Würde man sie trocknen, ohne vorher mit Avivagemitteln zu behandeln, dann würde diese Verklebung so weit führen, daß die einzelnen Fasern nicht mehr aus dem Faden herauszutrennen wären, und der Faden selbst wäre steif und nicht verarbeitungsfähig. Durch geschickte Anwendung geeigneter Avivierungsmittel gelang es daher, die gegenseitige Verklebung der Einzelfasern nur so weit zuzulassen, daß ein flexibler und biegsamer Faden entsteht, in dem die Fasern aber einen derartigen Zusammenhalt besitzen, wie er bei anderen Cellulosefasern nur durch die Drehung erreicht wird.
 
Wenn man dann, wie es geschah, durch leichte Schlichtemittelzugabe vor der Trocknung noch für einen äußeren Fadenschutz zum Verweben als Kette sorgte, hatte man die Vorgänge Spinnen, Schlichten und Schären auf einer Maschine vereinigt. Hierdurch war es selbst im frühen Stadium dieser Entwicklung möglich, weitgehend knotenlose Ketten herzustellen.
 
Die Beurteilung dieser Ketten durch die Weber ist durchweg gut gewesen. Bereits im Jahre 1944 hat eine Weberei in Süddeutschland diese Ketten auf Automatenwebstühlen mit einer Bedienung von 35 Stühlen pro Weber zur Zufriedenheit laufen lassen. Es war selbstverständlich ein wesentlicher Fortschritt in der Garnreinheit gegenüber dem Haspelverfahren. Das etwas rissige Warenbild in der Kettrichtung, hervorgerufen durch den bändchenartigen Charakter der auf Trommel getrockneten Fäden, hat man damals gerne übersehen.
 
Diese erfreuliche Entwicklung erfuhr durch dieselben Umstände, die sie beschleunigten, eine um so größere Unterbrechung, als im Zuge der auslaufenden Kriegsereignisse das Werk in der Oehde am 13. März 1945 durch Bomben zu Dreiviertel des Maschinen- und Gebäudebestandes zerstört wurde. Noch wesentlicher zählen die menschlichen Schicksale, die durch dieses grauenvolle Ereignis erlitten wurden. Ich möchte das heutige Kapitel dieses Rückblicks daher schließen mit der Bezeugung unserer Hochschätzung all derer, die sich aufopfernd dem Werk des Wiederaufbaus aus den Trümmern gewidmet haben.


(Teil 4)
 
Das Werk widmete sich in erster Linie der Ausnutzung des vollkontinuierlichen Prozesses und suchte mit seiner Bemberg-Entwicklungsabteilung ein zusätzliches Einsatzgebiet neben der Wirkerei. Dies wurde in der Kettenwirkerei gefunden, in welcher die Titer 60 Denier und zu einem kleineren Teil 40 und 80 Denier geeignet waren, einen in Aussehen, Griff und Geschmeidigkeit feinen Charmeuse Artikel für Damenunterwäsche herzustellen. Man übersprang den sonst hierfür üblichen Weg des Schärens der notwendigen Teilkettbäume von einem Spulengatter dadurch, daß man die Fadenschar einer Continuemaschine direkt und ohne jeden Drall am Ende der Maschine auf Teilkettbäume aufnahm. Auf diese Weise war ein Spinn-Schärprozeß entwickelt, der bis dahin einmalig war. Das Garn fand in der Kettenwirkerei einen derartigen Anklang, daß bald die nach dem Wiederanfang auf Continuemaschinen ausgebaute Anlage teilweise bis zu 80% für diesen Einsatz ausgelastet werden konnte, obwohl anfangs die Teilkettbäume in ihren Abmessungen gegenüber den heutigen recht bescheiden waren. Die 250-mm-Scheiben dieser Bäume nahmen bestenfalls eine Fadenscharlänge von 4000 m auf, was wegen des häufig notwendigen Wechsels beim Spinnen zwar lästig war, andererseits jedoch häufiger die Möglichkeit bot, ausgelaufene Fäden wieder zu ersetzen.
 
In den fünfziger Jahren wurde nun dieses direkte Spinn-Schärverfahren weiterentwickelt durch Rationalisierung wie Vergrößerung der Teilkettbäume auf einen Scheibendurchmesser von 350 und zum Teil auch 550 mm, so daß Fadenscharlängen bis zu 20000 Meter möglich wurden, Erhöhung der Spinnstellenzahl auf den kleineren Maschinen bis zu 575 Fäden und laufende Steigerung der Abzugsgeschwindigkeit stufenweise von 60 auf 120m pro Minute. Diese Leistungssteigerung wurde möglich gemacht durch Verwendung der in der damaligen Versuchsabteilung entwickelten neuen Trichterform, die im wesentlichen kürzer war, den Wasserdurchtritt vergleichmäßigte und durch Einbau von Metallspiralen beruhigte. Es war selbstverständlich bei dem direkten Verfahren notwendiger als bei der Einzelaufmachung, die Spinnfehler trotz der Abzugserhöhung zu senken, weil während der Bewicklung ein Abstoppen wie beim Schärprozeß nicht möglich war, andererseits jedoch Teilbäume mit voller Fadenzahl laufen mußten. Ein einziger fehlender Faden genügte, den Baum unbrauchbar zu machen, da er nicht mehr abgewickelt werden kann. Von besonderer Bedeutung war während dieser Zeit auch die steigende Qualitätsanforderung der Wirkereikunden, die gegenüber der Anfangszeit nicht mehr gewillt waren, einzelne Teilkettbäume mit einer, wenn auch nur kurzen Fadenunterbrechung anzunehmen, so daß stets ein Anteil von etwa 30 Prozent der direkt bewickelten Bäume auf einfachen Umlaufmaschinen in Ordnung gebracht werden mußten.
 
Ein bescheidener Anteil der damaligen Cuprogarn-Produktion ging auch in den Futterstoffsektor und wurde bis zur Mitte der fünfziger Jahre aus der diskontinuierlichen Haspelspinnerei gedeckt. Rationalisierungsmaßnahmen wie höhere Tourenzahl der Webstühle, Erhöhung der Stuhlzahl je Weber, Vermeidung von Mindersorten forderten vor allem auf diesem Gebiet eine Garnqualität, wie sie von einem diskontinuierlich, über Strang gesponnenen Garn nicht erfüllt werden konnte, zumal die Feinfädigkeit der Cuprogarne von Haus aus eine höhere Verletzbarkeit gegenüber Viskosegarn bewirkten. Es galt daher, die Continueseide auch für den Futterstoff geeignet zu machen. Was den Schuß anbelangt, war dies zunächst eine Frage einer geeigneten Aufnahmespule und einer Präparation, die einen Fadenschluß bewirkte, ohne den Faden dabei aber zu steif zu machen. Ein in der Zwischenzeit hier entwickeltes Steifheitsmeßverfahren hat die Bearbeitung der Probleme möglich gemacht. Die Aufwicklung wurde gelöst durch Anschaffung von Universal Binding Maschinen für eine direkte Herstellung von konischen Kreuzspulen im Verbund mit der Spinnmaschine. Schwieriger war die Kettherstellung aus Continuegarnen. Das im Anfang an groben Garnen geübte Verfahren des Schlichtens vor der Trocknung genügte den inzwischen stark angestiegenen Qualitätsanforderungen in der gesamten und speziell in der Textilindustrie nicht mehr. Der geschlichtete, auf Trommeln getrocknete, ungedrehte Faden erhielt eine so stark ausgeprägte Bändchennatur, daß Taftgewebe rissig, ja stark streifig wirkten und ein nicht akzeptables Aussehen bekamen. Zahlreiche Versuche in der Abwandlung der Schlichteart, in der Fadenspannungsregulierung, in der Trockenzone, in der Beeinflussung dieser Neigung zur Bändchennatur vom Spinnprozeß her schlugen alle fehl. Meist wurden, wie üblich Verbesserungen in der gewünschten Eigenschaft durch Nachteile anderer Art erkauft. Es ist hier nicht der Ort, auf alle Bemühungen im einzelnen einzugehen, sondern vielmehr kurz die Lösung des Problems zu zeigen.
 
Die Lösung bestand schließlich darin, einen zweifachen Trocknungsvorgang einzurichten. Vor der ersten Trocknung wurde die Fadenschar mit kationaktiven Weichmachern behandelt, die eine gute Faserisolierung bewirkten, das gegenseitige Verkleben hemmten und die Bändchennatur stark bremsten. Vor der zweiten Trocknung wurde eine, den Gesamtfaden umhüllende Schlichte aufgebracht. Der konstruktionsgegebene Fadenabstand von 3,5 mm erlaubte diesen Prozeß ohne eine brettartige Verklebung in der ungedrehten Fadenschar. Die Bändchennatur blieb gebremst und die Kettgarne wurden auf diese Weise geeignet für Taftfutterketten. Es entwickelte sich ein konstanter Absatz vornehmlich in feinen Titern von 60 und 80 Denier.
 
Die Entwicklung vollkontinuierlicher Prozesse, die sich bis dahin auf die ungedrehte Schußaufmachung, die ungedrehte TKB-Aufmachung und die Zettelaufmachung als Zwischenstufe für den Assemblierprozeß zu Webketten bezog, wurde ab 1967 noch durch einen weiteren Schritt vervollkommnet, die direkte Einzelaufmachung schwach gedrehter, sogenannter Schutzdrallgarne mit 50 Touren pro Meter. Sie wurde durch Aufstellung von Ringzwirnmaschinen hinter die Continuespinnmaschine erstellt (s. Abbildung) (o8). Als Ringzwirnmaschine wurden Perlonstrickeinheiten verwandt, die natürlich ohne Verstreckungsteil in ihrem Abzug auf die Geschwindigkeit der angelieferten Fäden abgestimmt werden mußten. Der Platzbedarf für 575 Fäden erforderte eine zweietagige Aufstellung dieser Zwirneinheiten, wie sie in der Abbildung zu sehen ist. Hauptzweck dieser Entwicklung war die Laufverbesserung des Garnes in den Webereien durch den Schutzdrall, die gänzliche Eliminierung des Bändchencharakters und die Möglichkeit der Verwendung als Kettgarn, allerdings auf dem herkömmlichen Weg des Zettelns und Assemblierens. Für das Kettgarn war dies ein Rückschritt in umständlichere Arbeitsprozesse, der aber vom Aussehen des Gewebes her gefordert worden war. Sonst wäre ein weiteres Eindringen in das Futterstoffgebiet mit relativ hohen Titern von 120 Denier nicht möglich gewesen.


(Letzter Teil)
 
Trotz der großen gemeinsamen Anstrengungen aller Beteiligten, das Cupro-Continuegarn zu einem erheblichen Anteil seiner Produktionskapazität in den Futterstoffsektor zu lancieren, verblieb das Hauptgewicht des Absatzes auf dem Wirkereisektor. Das lag einerseits daran, daß auf dem großen Einsatzgebiet der Futterstoffe nur gezielte Taffetartikel in Frage kamen, die durch Kunstharzbehandlung formstabil gemacht werden mußten. Andererseits liefert Glanzstoff mit dem Viskose-Reyon ein so hervorragend geeignetes Garnmaterial für Futterstoffe, wie es in der Verarbeitungsgüte von keinem feinfaserigen Cuprogarn erreicht werden konnte. Für den Sektor der besonderen Formstabilität sind außerdem Gewebekonstruktionen aus Synthesegarnen mit Reyon auf den Markt gekommen, die eine weitere Konkurrenz auf diesem Gebiet darstellten.
 
So verblieb dem Cuprogarn neben den begrenzten Einsätzen in der Samt- und der Etikettenbandindustrie in der Hauptsache der Breitwirkereisektor, der allerdings bereits schon in den 60er Jahren stark von Synthesefasern, hier vor allem Perlon, bedroht wurde. Unsere inländischen und westeuropäischen Wirkereikunden gingen zunehmend auf die Perlonverarbeitung über, weil dieses Garnmaterial inzwischen preisgünstiger war und die Forderung der Pflegeleicht-Eigenschaften zunehmende Bedeutung erlangten, um nur zwei der wichtigsten Argumente zu nennen.
 
Durch Abnahme des Inlandanteils und Zunahme des Auslandanteils, hier vornehmlich in den Balkanländern wurde die Beschäftigungslage kritisch, da auch in diesen Ländern neue Synthesefabrikationsanlagen aufgestellt wurden, die geeignet waren, die bisherigen Cupro-Garne abzulösen. Fast zum gleichen Zeitpunkt, in dem hier im Werk Wuppertal-Barmen dieser Produktionszweig auslief, hat auch die Bayer AG in ihrem Werk in Dormagen die Produktion dieses Garnes, das dort unter dem Namen Cupresa verkauft wurde, eingestellt.
 
Nachdem wir eine knappe Rückschau über den Ursprung und die Entwicklung der Firma und des Verfahrens gegeben haben, bleibt uns noch die Bedeutung des Bisherigen für die Zeit danach zu beleuchten. Wir haben schon davon gesprochen, daß dieses jetzt eingestellte Produkt die Voraussetzungen für die Entwicklung neuer schuf. Die schon früh um 1930 begonnene Entwicklung des Zellglases Cuprophan basiert auf dem gleichen Herstellungsgang zur Bereitung der Gießlösung, wenn hier auch andere und zwar billigere Celluloserohstoffe eingesetzt wurden, die den Anforderungen auf dem Verpackungssektor genügten. Im Herstellungsprozeß des Zellglases mußte das Werk jedoch eigene und spezielle Wege einschlagen und es bedurfte jahrelanger Entwicklungsarbeit in Forschung und Produktion, um aus dem Spinnstoff Cupro-Lösung ein in ökonomischer und qualitativer Hinsicht funktionierendes Herstellungsverfahren für Zellglasfolien zu erstellen. Daß die maschinelle Entwicklung auf diesem Teilgebiet sich in Richtung einer Continuemaschine bewegte, war von der Natur der Sache her vorgegeben. Daß sie andererseits die frühe Entwicklung einer kontinuierlichen Garnspinnmaschine befruchtete, ist schon berichtet worden. Der Ausbau der Produktionskapazitäten für Zellglas in den 50er Jahren wiederum beflügelte die Ausdehnung der Herstellung von Verpackungsfolien auf synthetischer Grundlage wie Polyaethylen und Polyvinylchlorid in den ersten 60er Jahren.
 
Bisher unerwähnt geblieben ist ein Prozeß, der die Voraussetzungen für die Fortentwicklung des gesamten Cupro-Verfahrens darstellt, das ist die Kupferrückgewinnung. Kupfer ist nicht nur ein teurer Rohstoff in diesem Verfahren, er muß zudem in großer Menge eingesetzt werden, um die Cellulose in Lösung zu bringen. 100 kg Cellulose erfordern rund 40 kg Kupfer neben einer noch größeren Menge Ammoniak zu ihrer Auflösung. Es war daher notwendig, den teuren Rohstoff Kupfer soweit wie möglich wieder zurückzugewinnen, um das Verfahren rentabel zu gestalten.
 
Dieser Zwang förderte schon früh, zu einem Zeitpunkt, zu dem von Umweltverschmutzung noch nicht die Rede war, die Entwicklung geeigneter Verfahren. Es stellte hohe Anforderungen nicht nur an die leitenden Chemiker, sondern auch an die Ingenieure jener Zeit. Zum Beginn der großtechnischen Anwendung von lonenaustauscherverfahren bediente man sich ihrer, um aus den großen Wassermengen von etwa 1 m3 je kg Cuprogarn das darin befindliche Kupfersalz in lonenaustauscherfiltern anzureichern, diese mit hochkupferhaltiger Schwefelsäure, die im Prozeß anfiel, wieder von Kupfer zu befreien, das heißt zu regenerieren, um schließlich das in der Säure angereicherte Kupfer mit Ammoniak zu dem basischen Salz zu fällen, in dem es abfiltriert und von neuem wieder eingesetzt wurde. Das dabei anfallende Wasser, vom Kupfer befreit, konnte zum großen Teil wieder in die Spinnerei zurückgeführt werden, stellte die Ingenieure aber vor die Aufgabe, geeignete Materialien für die Aufbewahrungskessel und Rohrleitungen zu finden. So haben unsere Ingenieure schon früh zu Kunststoffverkleidungen (PVC) der Vorratskessel, zu hartgummiverkleideten Rohren für die Wasserführung gegriffen, um die Korrosionsprobleme, die mit diesem Verfahren verbunden waren, zu lösen. Es sind hier die ersten großen Längen von PVC-Rohren, 2500 m verlegt worden, um das ammoniak- und ammon-sulfathaltige Wasser wieder zu den Maschinen zurückzuführen.
 
Es ist hier nicht der Ort, zu sehr in Einzelheiten zu verweilen, sondern es sollte nur dargestellt werden, daß von der Konzeption bis zur Reife solcher chemisch-technologischer Prozesse, wie die hier eingesetzten Rückgewinnungsverfahren, Teamarbeit, Mut und Verantwortungsfreudigkeit von Chemikern und Ingenieuren notwendig waren. Daß es gelungen war, als hier im Werk täglich 14000 kg Kupfer aufgelöst und in zum Teil sehr verdünnten Lösungen transportiert wurden, dieses so weit wiederzugewinnen, daß das Abwasser aus der Fabrikation höchstens die zweifache Konzentration des menschlichen Blutes an Kupfer enthielt und die biologische Abwasseraufbereitung in der städtischen Kläranlage nicht störte, kommt uns auch heute noch zugute und erlangt im Zeitalter des Bewußtseins über die Umweltverschmutzung seine besondere Bedeutung. Der eben herangezogene Vergleich mit Kupferkonzentrationen im menschlichen Blut hat seine besondere Bewandtnis. Die besondere Bedeutung der Entwicklung und Beherrschung des Cuprophan-Herstellungsprozesses liegt, nachdem der Konzern die Aktivitäten auf dem Verpackungsfoliengebiet aufgegeben hat, in der Weiterentwicklung zur Dialysemembran. Hierunter ist eine Folie zu verstehen, die für Wasser und gelöste Stoffe kleinen Molgewichtes durchlässig, für Stoffe größeren Molgewichts undurchlässig ist.
 
Die ersten Erprobungen von medizinischer Seite, eine Blutreinigung außerhalb des Körpers mittels einer halbdurchlässigen Folie durchzuführen, wurden von unserem Werksleiter sorgsam verfolgt, gefördert und durch Entwicklungsarbeit schrittweise vorangetrieben. Besondere Bedeutung und einen Anstoß für die umfassendere Anwendung solcher Blutreinigungsverfahren bei Patienten mit Nierenversagen erlangte die Schaffung einer Schlauchfolie hier im Hause, mit deren Hilfe es den Herstellern von medizinischen Instrumenten und Apparaten gelang, eine künstliche Niere nach einfachen Bauprinzipien zu erstellen. So wurde das neueste Produkt unseres Werkes, das heute so weltweit als Cuprophan - Dialysemembran eingeführt ist, geboren. In Anbetracht der speziellen Anwendung auf dem medizinischen Sektor ist dies natürlich kein Massenprodukt wie die Chemiefaser oder die Verpackungsfolie. Es ist jedoch ein Produkt, das den kranken Menschen, die zuvor keine Hoffnung auf ein Weiterleben mehr hatten, eine neue Lebenschance gegeben hat.
 
Der neu geschaffenen Produktgruppe Dialysemembrane kommt in unserem Werk die jahrzehntelange Entwicklung auf dem Cuprophangebiet, die Beherrschung des speziellen Cupro-Löseprozesses, die Beherrschung der Kupferrückgewinnung zugute.
 
Darüber hinaus gewinnt die gesammelte Erfahrung auf dem Cupro-Garngebiet zunehmend Bedeutung für die in Erprobung befindliche Cuprophan-Hohlfaser, die es in Zukunft erlauben wird, noch effektivere und im Volumen kleinere Dialysatoren für die künstlichen Nierenapparaturen zu bauen.
 
Es hat sich mit diesem neuen Produkt nicht nur die Herstellungsweise grundsätzlich gewandelt, sondern auch die Einstellung zur Qualität. Wir alle, die auf diesem Gebiet tätig sind, tragen nicht mehr nur die Verantwortung für den Ruf und die Absatzsicherung, sondern sind uns bewußt, daß Menschen in Gefahr kommen, wenn bestimmte Qualitätsanforderungen von uns nicht eingehalten werden. Das sollte uns ein hoher Ansporn für Wachsamkeit an allen Steifen unserer Arbeit sein. Zum Abschluß des Berichtes über den Werdegang des Cuproprozesses in diesem Werk stellen wir deshalb in zwei Abbildungen die neuesten Produkte dar, in welche die natürliche Cellulose über den Weg ihrer altbekannten Auflösung zur Cuoxamlösung durch besondere technologische Prozesse umgewandelt werden kann: Der für die bildliche Darstellung wenig geeignete Dialyseschlauch ist in der Abbildung 1 (o9) in einem aufgeschnittenen Dialysator zwischen Kunststoffgitter sichtbar, der von einer amerikanischen Firma als Dialysezelle in einer künstlichen Nierenapparatur hergestellt wird. In Abbildung 2 (10) sind angeschnittene Cuprophan-Hohlfasern mit einem Durchmesser von 220 µm gezeigt, die in dieser Abmessung den Kapillaren der menschlichen Niere entsprechen. Aus Bündeln von rund 10000 solcher Kapillaren mit einer Länge von 15 cm werden künftig ebenfalls Dialysatoren gefertigt.
 
Dr. Henne
 


Quelle: XLI