History informations - J. P. Bemberg (12)

Informations from a textil report catalog 1956

1. Vielfältige und zielstrebige Glanzstoffgruppe
 
Die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG. mit dem Sitz in Wuppertal-Elberfeld nimmt unter den deutschen Unternehmen, die ausschließlich Chemiefasern herstellen, den ersten Platz ein. In ihren Werken Oberbruch, Kelsterbach und Obernburg wird Reyon, „Perlon“ und „Diolen“ (Polyester) erzeugt. Die Gesamtproduktion betrug 1954 rund 34000 t, 1955 wurde diese Produktionsmenge nicht unwesentlich überschritten. Durch laufende Verbesserung der Anlagen wird die Fabrikation quantitativ, vor allem aber qualitativ ständig gesteigert und wirtschaftlicher gestaltet. 1955 ist das Arbeitsprogramm durch die Entwicklung der Polyesterfaser „Diolen“ vergrößert worden; ferner wurde der Bau einer Nylon-Anlage für technische Einsatzgebiete in Angriff genommen. Die Stellung der Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG. innerhalb der deutschen Chemiefaserindustrie wird über die beträchtliche Eigenproduktion hinaus durch die maßgebliche Beteiligung an anderen Werken erheblich verstärkt. Die Spinnfaser Aktiengesellschaft in Kassel-Bettenhausen, deren Aktienkapital sich fast völlig in Händen des Wuppertaler Unternehmens befindet, gehört zu den bedeutendsten Zellwollerzeugern der Bundesrepublik, die J. P. Bemberg AG. in Wuppertal-Barmen, mit der ein Organschaftsvertrag besteht, erzeugt Chemie-Kupferseide. Weiterhin gehören zur Glanzstoffgruppe die Kunstseiden Aktiengesellschaft, die in ihren Werken in Wuppertal-Barmen und Waldniel Spezialgarne aller Art aus Textilreyon, Zellwolle, „Perlon“, „Diolen“ herstellt sowie Effekt- und Mischzwirne, ferner die Barmer Maschinenfabrik AG. (Barmag) in Remscheid-Lennep, die sich mit dem Bau von Maschinen für die Chemiefasererzeugung befaßt und vornehmlich für das Wuppertaler Unternehmen und seine befreundeten Gesellschaften arbeitet. Dazu kommt schließlich eine Beteiligung von 50 % an der Glanzstoff-Courtaulds GmbH., die Reyon für textilen und technischen Bedarf und Zellwolle herstellt.
 
Reyon, „Perlon“, Nylon
 
Der Entwicklung von Reyon für technische Zwecke hat die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG. stets besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die dafür in Obernburg errichteten Anlagen sind nach den modernsten Gesichtspunkten ausgestattet. Von der gesamten deutschen Erzeugung an Reyon dürften 1955 rund zwei Fünftel auf technisches entfallen. Der größte Teil davon wird für die Herstellung von Cord für Kraftwagen- und Flugzeugreifen verwendet. Die früher dafür benutzte Baumwolle hat dieses Anwendungsgebiet fast völlig verloren. Neuerdings wird in den USA Nylon in steigendem Maße zu Reifencord verarbeitet, wozu es infolge seiner Festigkeit besonders geeignet erscheint. Dem Zuge dieser Entwicklung Rechnung tragend, wird die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG. jetzt auch die Produktion von Nylon für technische Zwecke aufnehmen. Über die Entwicklung des technischen Reyons und der Synthetics vernachlässigt die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG. aber in keiner Weise die Herstellung von textilem Reyon. Das Werk in Kelsterbach ist ausschließlich auf dessen Erzeugung ausgerichtet worden, und die dortigen Anlagen haben 1955 eine vollständige Modernisierung erfahren. Die Verarbeitung von „Perlon“ und Reyon ist im letzten Jahr durch die Entwicklung der FNF-Maschinen stark beeinflußt worden. Durch sie haben die Synthetics in der Wirkwarenindustrie in erhöhtem Maße Eingang gefunden, besonders zur Erzeugung von Wirkwäsche, Charmeuse, Filetware und Gardinen (vgl. den Artikel „FNF-Kettstuhl fördert Synthese-Verarbeitung“).
 
„Diolen“ (Polyester)
 
1953 hat die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG. von der britischen Imperial Chemical Industries Ltd. eine Lizenz zur Herstellung von Chemiefasern auf Polyesterbasis entsprechend dem englischen „Terylene“ erworben. Die danach in Obernburg hergestellten Polyesterfäden und -fasern kommen unter der Bezeichnung „Diolen“ auf den Markt. Aus den 1955 durchgeführten Versuchen ergibt sich, daß die neue Faser die Einsatzmöglichkeiten der Synthetics sehr erweitert. Sie hat eine hohe Festigkeit, einen verhältnismäßig hohen Schmelzpunkt (255 °C) und als Faser einen wollähnlichen Charakter. Dabei besitzt sie gegenüber der Wolle eine fast doppelt so große Elastizität und eine fast dreifache Zugfestigkeit. Die in den USA mit der unter dem Namen Dacron bekannten entsprechenden Polyesterfaser gemachten Erfahrungen zeigen, daß die Faser sich besonders gut zur Verarbeitung in der Herrenoberbekleidung eignet, vorzugsweise in Mischgeweben aus 55% „Diolen“ und 45 % Wolle. Einige große Bekleidungswerke der Bundesrepublik haben bereits mit der Verarbeitung von „Diolen“ zu Herrenoberbekleidung gute Erfahrungen gemacht und dürften in Kürze damit in größerem Umfang auf den Markt kommen. Weiterhin eignet sich „Diolen“ als endloses Garn vorzüglich für die Herstellung von Gardinen, wie dies beispielsweise die Muster 116, 117 und 119 auf der Stofftafel XV zeigen. Auch hierbei hat sich die FNF-Maschine als ein besonderer Förderer erwiesen. Der Gardinenstoff aus „Diolen“ hat ein elegantes, gefälliges Aussehen, feine Oberflächenstruktur und glasklare Durchsicht, verbunden mit schönem Fall und geschmeidigem Griff. Dazu kommt eine sehr gute Beständigkeit gegenüber den Einflüssen des Sonnenlichts hinter Glas und völlige Schrumpf- und Formbeständigkeit bei der Wäsche. Die „Diolen“-Gardinen lassen sich in jedem, auch im zartesten Farbton mit genügender Licht- und Waschechtheit einfärben, sie sind mottensicher, schwer entflammbar und unempfindlich gegen Luft, die von Dämpfen und Säuren gesättigt ist. Darüber hinaus eignet sich „Diolen“ noch für viele andere textile und technische Zwecke, z. B. zur Herstellung von Stoffen für Blusen, Krawatten, Schals, Spitzen, Tages- und Abendkleider, Unterkleider, Morgenröcke, Staub- und Regenmäntel, Sommeranzüge, Kostüme und Sportbekleidung, Futterstoffe, Hemdenstoffe und vieles andere mehr. Ferner können daraus Nähfäden, Filterstoffe, Segeltuche, Seilerwaren, Transport- und Isolierbänder und dergleichen gefertigt werden.
 
Forschung und Praxis
 
Die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG., als ältestes Unternehmen der Chemiefaserindustrie in Westdeutschland, arbeitet länger als ein halbes Jahrhundert auf dem Gebiet der Chemiefasererzeugung und verfügt daher über eine reiche Erfahrung. Diese schlägt sich nicht nur in den Produktionszahlen nieder, sondern auch in der Qualität der Erzeugnisse. War die Arbeit der Chemiefaserindustrie in den ersten beiden Jahrzehnten fast ausschließlich empirisch, so wird sie heute von der planmäßigen Forschung getragen. In den modernen Forschungsstätten des Unternehmens werden Versuchsarbeiten mit allen Arten von Chemiefasern durchgeführt, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Produktion, sondern auch auf die Verarbeitung - bis zum Fertigfabrikat. Der allgemeine Einsatz neuer Produkte und die Werbung dafür erfolgen traditionsgemäß erst nach langjährigen Erprobungen, nach eingehender Forschung im Laboratorium und in enger Zusammenarbeit mit allen Verarbeitungsstufen. Von den Erfahrungen über die zweckmäßigste Verarbeitung und Veredlung der Garne und über die Behandlung der Fertigwaren wird den beteiligten Kreisen durch die in zwangloser Weise herausgegebenen „Technische Mitteilungen“ Kenntnis gegeben.
 
Spinnfaser Aktiengesellschaft
 
Außer Reyon, „Perlon“ und „Diolen“ wird innerhalb der Glanzstoff-Gruppe auch Zellwolle unter der Marke „Flox“ in beachtlichem Umfang hergestellt. Die 1935 gegründete Spinnfaser Aktiengesellschaft in Kassel-Bettenhausen befindet sich vollständig in ihrem Besitz. Der weitaus größte Teil der Aktien (99,2 %) liegt unmittelbar in den Händen des Wuppertaler Unternehmens, der Rest bei der Barmer Maschinenfabrik AG. Nach der fast vollständigen Zerstörung des Werkes während des Krieges erfolgte in den vergangenen zehn Jahren die Wiedererrichtung der Gebäude und eine weitgehende Erneuerung des Maschinenparks, unter Berücksichtigung der neuesten Erkenntnisse im Maschinenbau. Wie schon erwähnt, wurden bei dem Wiederaufbau des Werkes die neuesten Erfahrungen in der Herstellung von Zellwolle berücksichtigt. Daher ist es möglich geworden, Fasern mit verbesserten Eigenschaften zu gewinnen, die eine gute Gebrauchstüchtigkeit der daraus hergestellten Fertigerzeugnisse gewährleisten. Das Produktionsprogramm umfaßt zur Zeit folgende Typen: Flox BWF. Flox N, Flox H, Flox LG und Floxan, wobei sämtliche Typen in diversen Schnittlängen und Faserstärken hergestellt werden. Durch dieses vielgestaltige und umfangreiche Produktionsprogramm ist gewährleistet, daß Floxzellwolle praktisch in allen erdenklichen textilen Bereichen eingesetzt werden kann und schon laufend Verwendung findet.
 
J. P. Bemberg AG
 
Mit der J. P. Bemberg AG. wurde 1955 ein Organschaftsvertrag geschlossen. Damit wurde die wirtschaftliche Grundlage dieses Chemiefaserwerkes gefestigt. Die nach dem Kupferoxydammoniakverfahren erzeugten „Bemberg“-Fäden hatten längst vor dem Kriege Weltruf erlangt, und die Marke „Bemberg“ hat ihren Werbewert unverändert behalten. Bei einer 1955 von einem neutralen Meinungsvorschungsinstitut veranstalteten Rundfrage hatten rund 95% der befragten Personen eine klare Vorstellung davon, daß Bemberg der Name eines feinfädigen, seidenähnlichen Materials ist. In Zusammenarbeit mit Webern und Druckern hat die J. P. Bemberg AG. interessante Erzeugnisse auf dem Markt gebracht, wie dies beispielsweise die Stoffmuster 9, 16, 17, 23, 74 und 75 im vorliegenden Heft zeigen. Außer Chemie-Kupferseide stellt die J. P. Bemberg AG. auch ein Zellglas „Cuprophan“ her. Im Zuge der sich mehr und mehr durchsetzenden Sichtpackung nimmt die Nachfrage nach diesem Erzeugnis ständig zu.
 


Quelle: XIII