History informations - J. P. Bemberg (o9)

The story, from 1992, of the manufactory „J. P. Bemberg“

Da es zur Geschichte: des Werkes, zu J. P. Bemberg und Friedrich Adolf Platzhoff
sehr wenig gesicherte Daten existieren und eine weitreichende Recherche für
mich erst ab dem Rentenalter möglich ist, gebe ich hier die Daten
- in originaler, abgedruckter, Fassung der Informationsbroschüre -
wieder.

Abschied von einer Legende
Johann Peter (Wilhelm) Bemberg
(1758 - 1838)
- ein Elberfelder Unternehmer -
Auch Jubiläen haben ihre Geschichte:
 
Manchmal wird auch die Geschichte gebeugt, zumindest aber einseitig bemüht, zumal dann, wenn „höheren Orts“ ein Datum verfügt wird.
 
Geschichtliche Daten schleichen sich ein, sie werden übernommen, angereichert um weitere Quellenfunde, neu interpretiert und in größere Zusammenhänge gestellt. Kleine geschichtliche Begebenheiten erhalten dabei einen fürwahr symbolischen Charakter. Ereignisse, die sich einmal am Rande des Geschehens verdichtet haben mögen, werden in der Form der Anekdote überliefert. Es waren Zeichen, scheinbar vom Zufall gesetzt, die später falsch entziffert wurden. Dahinter steht im allgemeinen keine böse Absicht, sondern der Wunsch, etwas zu erzählen, überhaupt etwas zu sagen zu haben, wo eigentlich nichts überliefert ist. Etwas, das wenigstens seine Funktion erfüllt im Sinne des Renaissance-Dichters Francesco Petrarca: „Wenn es auch nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden“.
 
Im Jahre 1928 schrieb Wilhelm Langenbruch einen Abriß über „Die Entwicklung der J. P. Bemberg AG, Barmen“ in dem Barmer Band der heute noch sehr bekannten Buchserie „Deutschlands Städtebau“. Langenbruch, damals Werksleiter, führte aus: „Gegründet im Jahre 1792 als Rotfärberei, hat Bemberg beinahe ein ganzes Jahrhundert als Hersteller von Türkischrot-Garnen einen Weltruf besessen.“
 
Im Laufe der Zeit wurde weitergeforscht: Wir lesen, daß Johann Peter Bemberg einen Bruder namens Johann Heinrich hatte, der in Elberfeld einen lukrativen Weinhandel betrieb. Nach dessen Tod im Jahre 1792 habe Johann Peter Bemberg diesen Weinhandel übernommen, die
Zeichen der Zeit richtig deutend, den Wein nunmehr selbst getrunken und sich auf den Handel von Farbstoffen verlegt. Aus diesem Grunde erschien 1966 - fast zum 175jährigen Firmenjubiläum - ein schöner Aufsatz unter dem Titel: „Vom Weinfaß zum Spinntrichter“.
 
Für Generationen von Bembergianern, später auch Enka- und AKZO-Leuten, stand unwiderruflich fest: „J. P. Bemberg“ wurde 1792 als Handelsgesellschaft in Elberfeld eröffnet, und es war der Firmengründer selbst, der mit der Produktion der Türkischrot-Garne im Tal der Wupper begann.
 
Leider verfügt diese traditionsreiche Firma über keinerlei ältere Unterlagen. Ein Firmenarchiv mit größeren Aktenbeständen hat wohl schon nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr existiert, wobei es unerheblich ist, ob rheinischer Unternehmerpragmatismus oder Fahrlässigkeit eines Angestellten zum Ausräumen der Keller oder Speicher geführt haben mögen. In jedem Fall bleibt dies eine bedenklich ahistorische Verhaltensweise, die natürlich auch eine Erklärung darin findet, daß „J. P. Bemberg“ seit 1897 bereits keine Inhaberfirma mehr war.
 
Beginnen wir noch einmal behutsam mit der Spurensuche. Kleben wir uns nicht an das vermeintliche Gründungsdatum, ob 200 Jahre oder auch ein paar Jahre mehr - auf keinen Fall aber weniger - dies allein zu wissen, dient nicht einer umfassenden historischen Wahrheit, es kommt vielmehr darauf ' an, die Entwicklungslinien darzustellen.
 
Die Familie Bemberg stammt von einem gleichnamigen Hof in der Bauernschaft Elfringhausen bei Hattingen an der Ruhr. Obwohl die reformierte Kirche in Langenberg räumlich viel näher am „Großen Bemberg“-Hof lag, hielten sich dessen Aufsitzer zäh zur lutherischen Gemeinde Hattingen.
 
„Unsere“ Bembergs stammen aus der Familie Ovelgünne. Als ein Steffen - vom nahegelegenen Hof - Ovelgünne die Erbtochter Catharina Bemberg etwa 1590 heiratete, übernahm er nach guter westfälischer Sitte die Hofesbezeichnung als seinen neuen Familiennamen. Sehr früh schon finden wir Nachkommen dieses Ehepaares über den ganzen deutschen Sprachraum verbreitet. Noch während des Dreißigjährigen Krieges zogen Bembergs nach Worms, nach Berncastel, nach Lothringen, später auch nach Köln und nicht zuletzt auch ins Wuppertal. Waren die ersten Abwanderer in den klassischen Weinbaugebieten als Händler tätig, wandte sich die nächste Generation dem Im- und Exportgeschäft von Leinwand zu. Ein solcher Wandertrieb, verbunden mit kaufmännischem Geschick, ist kein ausschließliches Spezifikum dieser Familie. Zögen wir andere bäuerliche Familien nördlich des Deilbachs in unsere Untersuchungen mit ein, stellten wir das gleiche Phänomen fest: Angehörige der Familien Gaddum, Wilckhaus, von Scheven, Hellermann, Platzmann, Bachmann, Wüstefeld und andere tauchen als Krämer, Hausierer oder Wanderkaufleute auf den lokalen Märkten in Süd- und Westdeutschland auf.
 
Im Bergischen Land gab es die sogenannte Realerbteilung oder Gleicherbsitte. Danach erbte ein jedes Kind - gleichgültig, welchen Rang es in der Geburtenfolge einnahm - gleichviel. Diese Realerbteilung führte schon früh zu einer Marginalisierung der landwirtschaftlichen Betriebsgrößen. Aufgrund der durchaus schlechten Böden und der ungünstigen topographischen Verhältnisse, der Enge und des stark hängigen Geländes des Wuppertals waren die Barmer und Elberfelder Einwohner schon frühzeitig gezwungen, neben der Landwirtschaft weitere Erwerbsmöglichkeiten zu suchen.
 
Bereits um 1400 wird man den Beginn der gewerblichen Bleicherei ansetzen dürfen. Die Ortsansässigen erkannten die Gegebenheiten, die die Natur bot: Niederschlagsreichtum, feuchte Wiesen und das kalkarme Wasser der Wupper und ihrer Nebenbäche. Was zunächst im Nebenerwerb betrieben wurde, entwickelte sich bald zum Haupterwerbszweig. Dabei gewährte der Resthof zumindest noch die Selbstversorgung. Die im Wuppertal gebleichten Garne wurden zunächst über den Kölner Markt als „Kölsche witte Garen“ weiterverhandelt.
 
Im Jahre 1527 erhielten die Elberfelder und Barmer das sogenannte Garnnahrungsprivileg, d.h. ein landesherrliches Monopol, nach dem diesen Einwohnern das alleinige Recht zugesprochen wurde, im Herzogtum Berg zu bleichen. Dieses obrigkeitliche Privileg wurde für 861 Goldgulden erkauft. Herzog Johann III. verschaffte somit seiner eigenen Grafschaft Ravensberg, in der seit dem Hohen Mittelalter geradezu in Monokultur Flachs angebaut wurde, einen permanenten Absatzmarkt, sozusagen direkt „vor der Haustüre“ gelegen.
 
Anders war die Situation östlich des Deilbachs, in der Grafschaft Mark. Hier kannte man nur das Anerbenrecht. Der älteste Sohn erbte alles, die nachgeborenen Geschwister nichts, sie mußten sehen, wo sie blieben. Dabei war die Auswahl nicht sonderlich groß: Entweder sie blieben auf dem väterlichen Hof als Knecht oder Magd ihres Bruders sitzen oder schauten sich nach anderen Erwerbsmöglichkeiten um. Sicherlich liegt eine der Hauptursachen für die ungeteilte Weitergabe der Höfe auch darin begründet, daß die jüngeren Söhne der eingesessenen Bauerngeschlechter als reisende Kaufleute die Heimat verließen, um in der Fremde ihr Glück zu versuchen. So blieb manchem Hof die Teilung erspart, die Töchter heirateten meist auf die Höfe der Nachbarschaft, so daß der aufsitzende Bauer durch die Zahlung der Mitgift die Erbauseinandersetzung und damit die Teilung des Hofes verhindern konnte.
 
Schon im frühen 17. Jahrhundert versuchten sich Langenberger Bauernsöhne mit Erfolg im Hausierhandel. Mochte am Anfang der Verkauf der auf den Höfen zur Winterzeit gewebten Leinwand eine Rolle gespielt haben, so kamen im Laufe der Zeit Bandprodukte des Wuppertals hinzu. Die band- und besatzfreudige Mode des Barock und der Rokokozeit führte nicht nur in den Städten, sondern auch im dörflichen Bereich zu einem förmlichen „Bandhunger“. Von diesen Marktbedürfnissen profitierte der Hausierhandel. Statt der schweren Leinwand konnten die Kiepen der Wanderhändler jetzt mit hochwertiger Ware gefüllt werden. Langenberger Händler wanderten mit Wuppertaler Band-und Besatzware, oft mit goldenen und silbernen Fäden durchwirkt, als „Dentellen“, „Languetten“, oder was gerade en vogue war, zu den Bauernhöfen des Westerwaldes, des Hunsrücks, in die Weindörfer an Rhein, Lahn und Mosel, gern gesehen und alljährlich erwartet. Sie kannten die Termine von Kirchweihfesten und den lokalen Jahrmärkten und legten hin und wieder Warenlager an, aus denen sie ihre Kiepen nachfüllen konnten.
 
Hierbei ist auf eine weitere Besonderheit hinzuweisen: Die Bezeichnung „Langenberger“ wurde schon im frühen 18. Jahrhundert zur Berufsangabe, man meinte damit einen Kurzwaren- oder Leinenhändler, auch dann, wenn ein solcher „Hausierer“ gar nicht aus Langenberg stammte. Eine Herkunftsbezeichnung wurde so zum Synonym für eine ganze Berufsgruppe. Immer, wenn „Langenberger“ in Kirchenbüchern oder Marktprotokollen registriert wurden, bezeichnete man sie durchweg als „Herr“, ein Indiz für die soziale Stellung und gleichzeitig ein treffsicherer Indikator ihrer ökonomischen Verhältnisse. Die „Langenberger“ waren durchaus keine kleinen Leute mehr.
 
Im Jahre 1782 erwarb Johann Peter Bemberg als 24jähriger das Elberfelder Bürgerrecht und zahlte den damals ziemlich hohen Satz von 8 Reichstalern. Sein Beruf wurde mit „Kaufmann“ angegeben. Er mochte gut geerbt haben, aber es ist kaum anzunehmen, daß er bis dahin müßig gewesen war. Mit 24 Jahren war er nach damaligen Rechtsvorstellungen gerade volljährig geworden, und es ist durchaus möglich, daß er bis zu diesem Zeitpunkt in der Weinhandelsfirma seines Bruders Johann Heinrich tätig gewesen war. Aber auf keinen Fall erscheint glaubhaft, daß er die Weinhandlung seines Bruders 1792 übernahm. Bruder Johann Heinrich, der seine eigene zahlreiche Familie zu versorgen hatte, war auch keineswegs 1792, wie die Literatur uns glauben machen will, sondern erst am 30. September 1794 in Elberfeld gestorben. Nach dem „Kaufmännischen Adress- und Wechselbuch für das Bergische Land auf das Jahr 1803“ wird die Weinhandlung „Johann Heinrich Bemberg“ nach wie vor erwähnt. Möglich wäre, daß Johann Peter Bemberg lediglich als Kurator die Geschäfte seiner Schwägerin treuhänderisch übernahm.
 
Der bisher älteste bekannte „Wirtschaftsbeleg“ über das Bestehen der Firma „Johann Peter Bemberg“ findet sich ebenfalls in einem frühen kaufmännischen Adreßbuch aus dem Jahre 1794: „Johann Peter Bemberg, Farbstoffe.“
 
Auch hier gilt es, sich von einer weiteren „Legende“ zu verabschieden. Bemberg war keineswegs der erste oder gar einzige Farbstoffhändler im Tal. Der gleiche Adreßkalender nennt außer ihm noch für Elberfeld;
 
1] Carnap, von, Johann Abraham, Garne und Farbstoffe
2] Lausberg, Johann Engelbert, Farbstoffe
5] Lindwurm. Johann Emanuei & Leipold, Farbstoffe
4] Sommer & Beyn. Farbstoffe
 
und für Barmen:
 
5] Jaeger, Arnold, Farbstoffe
6] Rittershaus & Co., Farbstoffe.
 
Immerhin hatte es Johann Peter Bemberg schon 1794 mit sechs Konkurrenten im Tal zu tun. Einer der hier genannten Farbstoffhändler, nämlich Johann Engelbert Lausberg, war ein Vetter von Johann Peter Bemberg. Steigen wir zum besseren Verständnis der Zusammenhänge noch einmal kurz in die Familiengeschichte ein: Johann Peters Vater, der auch Peter Bemberg (1697 - 1757) hieß, hatte im Jahre 1755 Anna Maria Lausberg in Elberfeld geheiratet. Sie entstammte einer Weinhändlerfamilie, was wohl erklärt, daß Peter in Langenberg und Elberfeld das gleiche Gewerbe betrieb. Einer der Söhne aus dieser Ehe, der schon erwähnte, 1750 geborene Johann Heinrich, kam 1772 nach Elberfeld, während der Bruder der Mutter, Karl Lausberg, sich hier schon als Weinhändler längst etabliert hatte. Ein weiterer Bruder der Mutter war der bereits oben genannte Bankier und Farbstoffhändler Johann Engelbert Lausberg (1734-1813).
 
Johann Peter Bemberg wuchs als vaterloser Postumus vermutlich abwechselnd in Langenberg und Elberfeld bei Verwandten auf und dürfte seine Farbstoffhandlung nach Erlangung des Bürgerrechtes 1782 eröffnet haben. Für diese These spricht noch ein weiterer gewichtiger Grund:
 
Johann Peter Bemberg hatte noch einen Bruder namens Friedrich Wilhelm (1752 -1828), der bisher von der Forschung völlig übersehen wurde. Auch er hatte die Kaufmannschaft erlernt und wurde am 10. November 1779 in die Frankfurter Freimaurerloge „Union“ als Bruder aufgenommen. In seinem Sterbeeintrag im Neuwieder Kirchenbuch vom 25. Januar 1828 heißt es:
 
„... ließ sich in Neuwied 1776 nieder, machte eine Spekulationsreise nach Surinam, lebte von Vermögensgeldern durch seinen Bruder in Elberfeld, unverehelicht Erstarb an der Lungensucht.“
 
Friedrich Wilhelm Bemberg dürfte zwischen 1780 und 1782 in Surinam gewesen sein. Er hatte dort für seinen Bruder und wahrscheinlich auch für seinen betuchten Vetter Lausberg die begehrten und teuren Farbhölzer eingekauft. An Ort und Stelle hatte er deren Verschiffung veranlaßt und wird so den Grundstock für die florierenden Elberfelder Handlungen gelegt haben. Dabei war es durchaus nicht so selten, daß junge Kaufleute aus Elberfeld sich in diesen Jahrzehnten eine Zeitlang in Süd- oder Mittelamerika aufhielten. Zum Beispiel lebte ein Verwandter seines Konkurrenten von Carnap lange Zeit auf der damals dänischen Insel St. Thomas in Westindien. Die „Spekulation“, heute würden wir sagen, die kaufmännischen Unternehmungen des Friedrich Wilhelm Bemberg scheinen erfolgreich gewesen zu sein, so daß er sich mit der Unterstützung seines Bruders in Neuwied zur Ruhe setzen konnte. Wie so oft bei Legenden, gibt es auch hier einen wahren Kern: ein Bruder hatte Johann Peter Bemberg tatsächlich geschäftlich in den Sattel geholfen, aber eben nicht mit Wein, sondern mit den kostbaren Brasilhölzern.
 
Ließen sich mit den brasilianischen Farbhölzern schöne und zum Teil auch lichtechte, kräftige Farben herstellen, so gelang es doch nicht, der Baumwolle ein leuchtendes und beständiges Rot zu applizieren. Krapp oder Färberröte wurde in der kritischen Zeit noch ausschließlich aus der Levante bezogen. Hier hatte sich, im damals noch türkischen Griechenland, ein höchst merkwürdiges System der Organisation von Arbeit und politischer Selbstvertretung herausgebildet. In der kleinen Stadt Ambelakia, gelegen zwischen Larissa und dem Meer, lebten sämtliche Einwohner in und von der Färberei. Die Ambelakier duldeten keine Türken unter sich und verwalteten sich durch selbstgewählte Organe. Sie verteidigten selbstbewußt und erfolgreich ihre Stadt gegen immer wieder neu unternommene Angriffe der Türken. So ist es beinahe natürlich, daß der einige Jahrzehnte später siegreiche Freiheitskampf der Griechen von hier aus zumindest geistig seinen Ausgangspunkt nahm. Jeder Mann und jede Frau, sogar die Kinder, waren mit der Färberei beschäftigt. Der gesamte Ort war gleichsam eine riesige Manufaktur. Jährlich wurden von hier aus allein für den deutschen Absatzmarkt 2.500 Ballen gefärbter Baumwolle hergestellt.
 
In Pest, Wien, Leipzig, Dresden, Ansbach und Bayreuth unterhielten die Kaufleute aus Ambelakia eigene Kontore, von wo aus sie die Türkischrot-Garne unmittelbar an die deutschen Großhändler weiterverhandelten.
 
Man hatte im übrigen Europa vielfältige Versuche unternommen, das Baumwollgarn rot zu färben. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ließen sich sogar griechische Färber in Montpellier nieder. Die Franzosen kopierten das Verfahren, und es entstand vor allem in Rouen ein Färbereizentrum, in dem auf levantinische Art gefärbt wurde. Das leuchtende Rot, das dem türkischen Baumwollgarn so sehr zu eigen war, konnte jedoch auf lange Zeit nicht nachgeahmt werden. Es hieß, die Griechen gebrauchten neben dem Krapp noch fünfzehn weitere Ingredienzien, wobei der gesamte Färbevorgang etwa einen Monat dauerte.
 
In unserem Zusammenhang stellt sich nun die wichtige Frage, wann fügte Johann Peter Bemberg seinem zunächst reinen Handelsgeschäft den ersten Produktionsbetrieb hinzu? Um es vorweg zu sagen, dies läßt sich (noch) nicht exakt klären.
 
Johann Georg von Viebahn schrieb 1856 über die Türkischrot-Färberei in seiner „Statistik und Topographie des Regierungsbezirks Düsseldorf, S. 173:
Unter den Färbereien sind die des Baumwollengarns auf Türkischrot die wichtigsten. Diese dunkelrote Farbe ist so fest und dauerhaft, daß sie weder von der Sonne ausgezogen wird, noch durchs Waschen und Bleichen verschießt. Dies Garn kam früher aus der Türkei und dem Orient über Wien, Venedig und Marseille in den europäischen Handel. Die geheim gehaltene Färbeart wurde vor etwa 55 Jahren durch thessalische Griechen nach Frankreich gebracht und seit 1784 solche Färbereien in Rouen und Elberfeld eingerichtet. An dem letzteren Orte nahmen sie am Ende des Jahrhunderts einen solchen Umfang an, daß sie einen großen Teil von Europa, insbesondere aber Deutschland und Frankreich versorgten; bis 1809 waren 150 Färbereien dieser Art in Elberfeld. Barmen und der Umgebung entstanden“.
 
Von Viebahns Angaben sind recht exakt. Wie aber gelangte das Geheimnis der Türkischrot-Färberei ins Wuppertal? Über den Technologietransfer gibt es drei differierende Überlieferungen:
 
Einmal war es ein wandernder sächsischer Handwerksgeselle, der (als Christ?) in der Türkei
gearbeitet und mit einem holländischen Segelschiff den Heimweg angetreten hatte. Auf dem Rückweg in seine Heimat soll ihm just im Tal der Wupper das nötige Reisegeld ausgegangen sein. Kurz entschlossen habe er dem Barmer Bleichereibesitzer Braselmann für nur wenige Goldstücke das Geheimnis verraten, wie man mit Krapp farbecht und leuchtend rotfärben kann.
 
Die nächste Legende ist noch schöner, weil literarisch:
 
„Eine Familien Überlieferung berichtet, wie Adolf Wilhelm Schüren (1774 - 1856) hinter die letzten Geheimnisse der Türkischrot-Färberei gekommen sein soll. An einem regnerischen Spätherbstabend hatte er gerade das Haus verschlossen, um sich zur Ruhe zu begeben. Da pochte jemand zaghaft an die Tür. Schüren öffnete und sah draußen einen Mann in Lumpen stehen, der flehentlich bat, ihm für die Nacht ein Unterkommen zu gewähren. Von Mitleid ergriffen, ließ der Urgroßvater den Fremden eintreten, setzte ihm einen tüchtigen Teller Erbsensuppe vor und knüpfte ein Gespräch mit ihm an, in dessen Verlauf der Gast erzählte, daß er vor 17 Jahren bei einer Reise von Spanien nach Livorno in die Hände tunesischer Korsaren gefallen und von diesen nach Konstantinopel verkauft worden sei. wo er in der Krappfärberei des Sultans gearbeitet habe. Eines Tages sei es ihm dann geglückt, zu fliehen und au feinem französischen Schiff Marseille zu erreichen. Nun wandere er, von allen Mitteln entblößt, nach seiner Vaterstadt Lüneburg, wo, wie er hoffe, noch ein Bruder von ihm lebe, bei dem er seine Tage zu beschließen gedenke.
 
Bei der Erwähnung der Krappfärberei hatte Schüren aufgehorcht, und als er dann bald merkte, daß er in der Tat einen Fachmann vor sich hatte, schlug er dem Fremden vor, ein paar Wochen bei ihm zu bleiben und ihn mit dem in Konstantinopel gebräuchlichen Färbeverfahren vertraut zu machen. Er selbst verstehe das Türkisch rotfärben zwar auch. aber es müsse noch irgendein Kniff dabei sein. Wenn er ihm den verrate, solle er achtzig Taler erhalten. Jener ging darauf ein, und von nun an arbeiteten die beiden gemeinsam hinter verschlossenen Türen, bis der Urgroßvater den Kniff weg hatte“.
 
Eine Anfrage beim Lüneburger Stadtarchiv erbrachte leider keinen Hinweis auf einen Kaufmann, der 17 Jahre in türkischer Sklaverei zugebracht hatte.
 
Schließlich soll es aber Johann Peter Bemberg selbst gewesen sein, der bei seinen Handelsreisen nach Frankreich die nötigen Techniken des Türkischrotfärbens kennengelernt hatte. Dies ist insofern wenig glaubwürdig, als von Viebahn angibt, die ersten Tür-kischrot-Färbereien seien 1784 in Elberfeld und Rouen gleichzeitig entstanden.
 
Aus einer Steuererhebung vom Ende des Jahres 1807 kennen wir die Elberfelder Türkischrot-Färbereien und können über die Steuersätze gewisse Rückschlüsse auf etriebsgröße und Umsatz ziehen:
 
 Engelbert Lausberg  Rtl. 35.--
 Johann Peter Bemberg  Rtl. 52.--
 Friedrich Lausberg  Rtl. 32.--
 Jakob Hauptmann  Rtl. 27.--
 Eberhard Platzhoff  Rtl. 27.--
 Wilhelm Blank  Rtl. 21.--
 und acht weitere kleinere Betriebe.
 
Johann Peter Bemberg steht hier an zweiter Stelle, dazu nehmen den ersten und dritten Platz nahe Verwandte von ihm ein.
 
Die Färbereien im Wuppertal waren zunächst nur sehr kleine, handwerklich organisierte Werkstätten. Sie wurden in den Hinterhöfen betrieben, wichtig war nur, daß die Grundstücke an die Wupper anstießen oder wenigstens Zugang zu den künstlich geschaffenen Abzugskanälen hatten. Gab es im Jahre 1807 insgesamt 14 Türkischrot-Färbereien allein in Elberfeld, so waren es 1819 schon erheblich mehr geworden.
 
Es zeigt sich, daß die Kleinbetriebe bald aufgegeben wurden und es zu einer sicher nicht freiwilligen Zusammenlegung der kleinen Färbereien kam. Dieser Konzentrationsprozeß ging in Elberfeld weitaus rascher vonstatten als in Barmen.
 
Da ein Firmenarchiv der „J. P. Bemberg“ fehlt, muß auf andere Quellen ausgewichen werden. Aus den Notariatsakten geht nun eindeutig hervor, daß die meisten Lieferanten und Abnehmer zu Lebzeiten von Johann Peter Bemberg in Süddeutschland und Sachsen wohnten. Es hagelte Wechselproteste aus Bayreuth, Hof und Chemnitz, und J. P. Bemberg mußte versuchen, über notariell ausgestellte Vollmachten wenigstens einen Teil der Forderungen zu realisieren. Aus der gleichen Quellengruppe wird bekannt, daß Johann Peter Bemberg mindestens drei Türkischrot-Färbereien sein eigen nannte: eine auf der Hofaue, eine am Thomashof und seit 1828 eine weitere auf der Hofaue durch den
 

JAHR

 ELBERFELD  BARMEN

 

Färbereien

Arbeiter

Arbeiter  
pro Betr.

Färbereien

Arbeiter

Arbeiter  
pro Betr.

1819

54

400

7,4

14

70

5

1836

23

*

*

21

*

*

1849

10

499

49,9

6

142

23,7

1855

8

432

66,5

8

447

55,9

1862

7

641

91,5

17

502

29,5

 
Ankauf der Färberei „Schmerenbeck & Fischer“. Offensichtlich wurden bei guter Auftragslage auch ganze Einrichtungen anderer benachbarter Färbereien auf Zeit gemietet: kupferne Kessel, Kümpe und Becken, Wasch- und Trockenhäuser.
 
Johann Peter Wilhelm Bemberg war ein Unternehmer, der ganz und gar nicht in das Klischee seiner Elberfelder Standesgenossen zu passen scheint. Er beteiligte sich nicht an der politischen Willensbildung seiner Heimatstadt Elberfeld, bemühte sich nicht um einen Sitz im Presbyterium der lutherischen Gemeinde, gehörte keiner der Bürgergesellschaften mit literarischer oder geselliger Zielsetzung und Ambitionen an. Zu all diesen Ämtern, Komitees, Deputationen und Mitgliedschaften wäre Johann Peter Bemberg allein schon aufgrund seiner ökonomischen Verhältnisse berechtigt gewesen und auch selbstverständlich zugelassen worden. Was ihm nach außen hin nicht gelang bzw. worum er sich gar nicht erst bemühte, war er auch in der eigenen Firma nicht bereit zu leisten. Überall, wo er in der Öffentlichkeit schon aus Geschäftsraison hätte selber agieren müssen, ließ er sich durch einen seiner oft wechselnden Teilhaber vertreten; er delegierte und wiegelte ab. Seine Familie bedeutete ihm alles, er hatte sich wohl früh ins Gehäuse seiner Innerlichkeit zurückgezogen. Es scheint, er sei von jeher ein wenig menschenscheu gewesen.
 
Aufgrund sehr großer Erbschaften, die er noch im Mannesalter machte, hätte er sich leicht aus allem zurückziehen können, um das Leben eines Bonvivants in biedermeierlicher Auskömmlichkeit zu führen. Seit 1793 war er mit einer sehr schönen Frau aus der wohlhabenden Familie Scheibler aus Monschau verheiratet. Dieser Ehe entsprangen vier Kinder.
 
Sein persönliches Interesse galt dem Theater. Im Bembergschen Garten auf der Hofaue spielte die „Deutsche Schauspieler-Gesellschaft“ unter der Direktion des Ehepaars Lüders ein ganzes Jahr von Frühjahr 1804 bis Frühjahr 1805. Hier wird sich Johann Peter Bemberg allerdings mehr Feinde als Freunde gemacht haben. Galt doch im pietistischen Elberfeld das Schauspiel ganz allgemein als verderblich für Gemüt und Seele.
 
Johann Peter Bemberg blieb ein Grenzgänger zwischen dem Anden Regime und der Moderne: Er war nicht der Typ des rastlosen Unternehmers, gewiß nicht der Mann, der tagtäglich die Grenzen des persönlich Machbaren ausdehnen wollte. Bemberg hatte das doppelte Glück, in seinem Bruder Friedrich Wilhelm einen wagemutigen, intellektuell­neugierigen und zugleich redlichen Partner an seiner Seite zu haben und in seinem Schwiegersohn Friedrich Platzhoff (1791 -1859) seit 1817 einen Teilhaber gefunden zu haben, der schon bald zur Seele des Geschäftes wurde und sich als äußerst fähiger Unternehmer modernen Typs herausstellte.

Rtl. = Reichstaler


Quelle: III