History informations - J. P. Bemberg (o6)

The spinning of the Bemberg-Silk

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Die Entstehung des Bemberg-Fadens
 
Zarte, endlose, glänzende Fadengebilde, ähnlich den feinen Kokonfäden der Seidenraupe, selbst herzustellen, aber schöner, gleichmäßiger und vor allem billiger und nicht nur als kostbaren Luxusartikel, das war schon im Mittelalter ein Wunschtraum der Menschen, von denen nur die ganz reichen Schichten „in Samt und Seide“ gehen konnten.
 
Bereits im Jahre 1665 versuchte der englische Forscher Robert Hooke in das Geheimnis des Maulbeerspinners einzudringen und kam auf den Gedanken, künstliche Fäden, ähnlich dem „Exkrement des Seidenwurms“ herzustellen. 70 Jahre später kam der uns allen als Erfinder des Weingeistthermometers bekannte französische Physiker Reaumur auf ähnliche Überlegungen und wollte künstliche Fäden aus Gummi oder Harzen fabrizieren. Jedoch noch anderthalb Jahrhunderte sollten vergehen, ehe diese weitvorausschauenden Ideen in die Tat umgesetzt werden konnten. Die Zeit war noch nicht reif, die chemischen Grundlagen fehlten, und ein exaktes Wissen von dem Aufbau der natürlichen Faserstoffe, die schon seit Jahrtausenden zur Bekleidung der Menschen dienten, gab es noch nicht.
 
Zwei entscheidende Erfindungen ließen die Welt aufhorchen, als es in der Mitte des vorigen Jahrhunderts gelang, die Aufbausubstanz aller pflanzlichen Zellwände, die Zellulose, die auch den Hauptbestandteil der Baumwollfaser bildet, in eine lösliche Verbindung zu überführen. Im Jahre 1846 glückte es dem Schwaben Christian Friedrich Schönbein in seinem Baseler Laboratorium, durch Behandlung von Baumwolle mit Salpetersäure jene Verbindung zu entdecken, die als „Schießbaumwolle“ der gesamten Menschheit so gefährlich werden sollte, gleichzeitig aber als „Nitratzellulose“ das Ausgangsprodukt für die Herstellung der ersten künstlichen Faser, der Collodium- oder Nitratkunstseide, bildete, die nach ihrem Hersteller, dem erst 1924 im hohen Alter verstorbenen Grafen Hilaire de Chardonnet, auch „Chardonnetseide“ genannt wurde. Damit war an sich das Problem der „künstlichen Seidenraupe“ gelöst, und der alte Wunschtraum der Menschheit endlich in Erfüllung gegangen. Trotz ihres Aufsehens, ihrem Glanz, ihrer Farbenpracht und Schmiegsamkeit konnte sich aber diese erste Kunstseide nicht halten, denn sie war leicht entzündbar und wies auch noch eine Reihe anderer technischer Mängel auf.
 
Ein anderer Weg führte aber zu einem dauerhaften Erfolg: Im Jahre 1857 war es nämlich dem deutschen Chemiker Schweizer gelungen, Baumwolle unter Verwendung von Kupfersalzen und Ammoniak (Salmiakgeist) aufzulösen und eine zähflüssige, spinnfähige Zelluloselösung von tief dunkelblauer Farbe zu erhalten. Diese Erkenntnis erscheint uns heute so einfach wie das Ei des Kolumbus, denn jeder Textilschüler benutzt die durch Übergießen von Kupferspänen mit Ammoniak selbst hergestellte „Cuoxamlösung“ für Faseranalysen und kann sich jederzeit von der raschen Löslichkeit der Baumwollfaser in „Schweizers Reagenz“ überzeugen !
 
Damit haben wir im Prinzip die Herstellung der Spinnlösung nach dem Kupferoxydammoniakverfahren, so wie sie heute noch die Grundlage des „Bemberg-Fadens“ bildet, in einfachster Weise kennengelernt. Daß als Ausgangsrohstoff nicht die wertvollen, langen Spinnfasern der Baumwolle Verwendung finden, die bekanntlich zur Herstellung von Baumwollgarnen dienen, sondern die kurzen, unverspinnbaren Schutzhaare des Samenkerns, die sogenannten „Linters“, die auch noch gereinigt, entfettet und gebleicht werden müssen, sei nur am Rande vermerkt.
 
Uns interessiert vielmehr, auf welchem Wege der Bemberg-Faden aus der Spinnlösung, auch „Blaumasse“ genannt, entsteht. Zu diesem Zweck betrachten wir die Arbeit der Seidenraupe : Sie bildet aus der aufgenommenen Nahrung ebenfalls eine Eiweißsubstanz, sammelt diese dann in einem Speicherraum und drückt schließlich die Spinnmasse durch die am Kopf befindliche Spinnwarze, worauf der feine, zweiteilige Faden erstarrt und mit Hilfe des Seidenleims zusammenhält. In gleicher Weise benötigen wir für den technischen Spinnprozeß einen Vorratsbehälter für die Spinnlösung, den sogenannten Spinnkessel, ferner eine Spinnpumpe für jede Spinnstelle und schließlich eine Spinndüse, ähnlich einer kleinen Gießkannenbrause, mit feinen Löchern, aus denen der Faden, der sich aus vielen endlosen Einzelfädchen zusammensetzt, austritt und schließlich erstarrt.
 
Daß der erstarrte Faden in einem schwachen Säurebad noch gehärtet, ferner von den anhaftenden Restchemikalien befreit, d. h. ausgewaschen, schließlich getrocknet und aufgewickelt werden muß, ebenfalls weiteren Nachbehandlungen unterworfen wird, um für die Weiterverarbeitung geschmeidig zu sein, soll uns heute nur beiläufig interessieren.
 
Eine Eigenschaft aber zeichnet in ganz besonderer Weise den „Bemberg-Faden“ aus, und das ist seine alle anderen Kunstseidenarten übertreffende, außerordentlich hohe Feinfädigkeit, die den Bemberg-Faden in dieser Beziehung zum Ebenbild der Naturseide macht, ja diese sogar noch überflügelt ! Wie ist dies spinntechnisch möglich ? Während des Spinnens, d. h. kurz nach Austritt der Spinnlösung aus der Spinndüse wird das noch verformbare, „plastische“ Fadenbündel in einem Glastrichter insgesamt auf ca. 1/100 des Original-Durchmessers verstreckt, ein Vorgang, der unter dem Namen „Streckspinnverfahren“ bekannt ist und von dem Bemberg-Chemiker Thiele im Jahre 1901 erfunden wurde.
 
Außerdem gelang es, den Glanz und den Griff des Bemberg-Fadens nach Belieben zu gestalten und z. B. tiefmatte Fäden herzustellen, ebenfalls spinngefärbte mit unübertrefflichen Farbechteitseigenschaften. Über diese und viele andere Fragen, die auch das modische Bild der Bemberg-Stoffe beeinflussen, wollen wir das nächste Mal plaudern.


Quelle: XLIIII